-essentials of insight meditation practice-

die praxis der einsichtsmeditation

18. Die Gratwanderung: Achtsamkeit im Alltag

Anpassung
Wenn ihr in den Alltag zurückkehrt, braucht der Geist einige Zeit um sich wieder auf die weltliche Situation einzustellen. Einige könnten dadurch bedingt wütend oder leicht reizbar werden. Das kommt durch die Freisetzung von Wünschen und Tendenzen, die während des Retreats unterdrückt wurden. Es sollte uns aber keine Sorgen bereiten, da sie sich bald beruhigen werden.
Einige versuchen bis zur äußersten Grenze im Alltag das weiterzumachen, was sie während des Retreats getan haben. Hier einige Komplikationen, die dabei entstehen können. Sie erscheinen mysteriös, entfernt oder stolz bei ihren Freunden und Verwandten. Sie sprechen nicht, machen keine Witze wie sonst. Sie gehen auch so langsam.
Es ist offensichtlich, dass es nicht praktikabel ist so langsam zu gehen, wenn man in der sich schnell bewegenden Außenwelt versucht achtsam zu sein. Das heißt allerdings nicht, dass wir uns in unsinnige Gespräche verwickeln sollen, wenn wir es nicht wollen. Wenn es eure Arbeit, die Effizienz, euer Studium oder euer Familienleben beeinträchtigt, dann müsst ihr die Praxis in gewissem Grade aussetzen. Ihr seid noch keine Nonnen oder Mönche. Ihr könnt zwar Achtsamkeit praktizieren, aber es wird in einer weniger intensiven Art und Weise sein. Das ist nicht etwas, dass ihr euch aussuchen könnt, sondern eure Situation ist so, dass ihr nur in der Art praktizieren könnt.

Fluten der Befleckungen
Wie macht man dann mit der Praxis weiter, wenn man zur Außenwelt zurückkehrt? Praxis im Alltag kann auf zwei Ebenen betrachtet werden. Die erste ist „an der Oberfläche bleiben“. Die zweite Ebene ist die Gratwanderung. „An der Oberfläche bleiben“ bedeutet sich selbst davor zu bewahren zu ertrinken.
Im dhamma sprechen wir über Fluten, verschiedene Arten von Fluten. Dies sind die Fluten der Befleckungen. Die Außenwelt ist mit Befleckungen überflutet. In Pali ist Flut ogha. Es klingt wie „ogre.“ Es gibt kama ogha, bhava ogha, ditthi ogha und avijja ogha.
Kama ogha ist die Flut der Sinnesfreuden. Sie kommt eine nach der anderen und ihr ertrinkt vollkommen in ihnen. Deshalb müsst ihr an der Oberfläche bleiben. Bhava ogha ist die Flut des Werdens. Ihr wollt jemand sein. Ihr wollt existieren. Ihr wollt diverse Leute sein z. B. Helden aller Art oder sonst etwas. Ditthi ogha sind all die Meinungen und Ideen, die falsch sind. In avijja ogha, der Flut der Unwissenheit oder des Wahns, ertrinkt ihr in Illusionen. Mit anderen Worten, wenn ihr nicht achtsam seid und die Befleckungen stark sind, werdet ihr von ihnen gefangen genommen und ertrinkt in ihnen. Sie ziehen euch runter. Ihr könnt euch nicht mehr bewegen. Es gibt keine Freiheit.

An der Oberfläche bleiben
Deshalb bedeutet der erste Teil „an der Oberfläche bleiben“ am Leben zu bleiben, das heißt achtsam zu sein. Wenn ihr es nur schafft achtsam zu bleiben, ist das schon sehr gut. Es ist nicht leicht die ganze Zeit achtsam zu sein. Normalerweise ist es wegen der Natur des Menschen schwierig achtsam zu sein. Wenn ihr beispielsweise sehr krank seid und den ganzen Tag Schmerzen habt, wie achtsam könnt ihr da noch sein? Um uns zu helfen achtsam zu bleiben, müssen wir uns mit grundlegenden unterstützenden Bedingungen versehen. Zuerst die physische Umgebung, je ruhiger sie ist, desto einfacher ist es achtsam zu sein. Andere Dinge wie z. B. ein Tempel oder auch Bilder können dabei helfen. Ihr könnt euch dadurch Stück für Stück weiterentwickeln.
Die Wahl des Lebenserwerbs, was wir „Rechten Lebenserwerb“ nennen, ist wichtig. Wenn jemand mit falschem Lebenserwerb, also mit fragwürdiger Moral beschäftigt ist, wird es für ihn schwieriger einen klaren Geist oder ein reines Gewissen zu haben. Deshalb muss etwas getan werden. Entweder ändert ihr euren Beruf, oder macht etwas Ähnliches. Verweigert einfach Unheilsames zu tun. Ein anderer Aspekt, den ihr beachten solltet, ist der Zeitfaktor. Erlaubt es die Art eurer Arbeit, zu praktizieren? Einige Jobs sind „Rechter Lebenserwerb“ und enthalten kein Töten, Stehlen, Lügen, sexuelle Verfehlungen oder Drogen, aber sie benötigen eine Menge eurer Zeit. Ihr arbeitet von morgens bis abends und bekommt nur zwei Wochen Urlaub im Jahr. In solchen Fällen habt ihr keine Zeit zum Praktizieren und zu einer intensiveren Meditation zu kommen, wie auf einem Retreat. Ihr mögt einen Teil eurer Zeit zum Meditieren einteilen, aber wenn ihr nach Hause kommt, seid ihr so müde, dass ihr es nicht könnt. So eine Arbeit ist unpassend.
Hausleute müssen Geld verdienen und auch Zeit zum Praktizieren haben. Im Westen kann es noch schwieriger sein, da die Anwesenheit auf einem Retreat oft sehr teuer ist. Ihr müsst die Miete und die Nahrung zahlen und auch noch für den Lehrer etwas geben. Das ist in Asien einfacher, da Retreats gesponsert werden. Die Kosten für ein Ein- oder Zweiwochen- Retreat in Australien sind so hoch, dass man sich dafür ein Ticket nach Asien kaufen und dort für ein paar Monate bleiben kann. Manchmal bevorzugen Yogis das. Sie können dann außerdem nach ihrer Praxis noch Sehenswürdigkeiten anschauen.

Beziehungen
Der dritte Faktor sind Beziehungen. Wenn mich junge Leute wegen Beziehungen fragen, rate ich ihnen, nicht zu heiraten. Heirat führt zu Problemen. Es gibt ein altes Thai-Sprichwort, das besagt, „Wenn du dein Herz einem Mädchen schenkst, kannst du kein Mönch sein. Wenn du dein Herz einem Jungen schenkst, ist es sicher, dass du weinst.“ Aber wenn du es nicht ändern kannst, und das Schicksal hat eine starke Hand, dann müsst ihr sorgfältig wählen. Zumindest wählt einen Partner, der eure Praxis akzeptiert. Ihr mögt euch dafür entscheiden keine Kinder zu bekommen. Aber wenn dann doch welche da sind, könnt ihr sie nicht einfach allein lassen, sie rausschmeißen. Auch wenn es keine problematischen Kinder sind, lebt ihr Jahre mit großer Verantwortung um sie richtig zu erziehen. Wenn ihr feststellt, dass der Partner nicht mehr zu euch passt, gibt es das Problem der Trennung oder Scheidung.
Am Besten ist es, ihr umgebt euch mit Leuten, die die Meditation akzeptieren. Das muss nicht notwendigerweise nur ein Ehemann oder eine Ehefrau sein. Das kann natürlich etwas schwierig sein, da nicht so viele meditieren. Deshalb müsst ihr sie entsprechend beeinflussen. Seid ein gutes Beispiel. Zeigt, dass ihr euch zum Besseren durch die Meditation verändert habt und es wird eventuell Wirkung zeigen.
Natürlich ist es besser eine Kerngruppe von Meditierenden aufzubauen. Leute, die schon vorher meditiert haben, sollten sich anstrengen und zu regelmäßigen Treffen zusammen kommen, um zu diskutieren und einmal die Woche gemeinsam zu praktizieren. Wenn ihr allerdings nur unsympathische Leute findet, müsst ihr Gleichmut und Einsamkeit praktizieren. Dann wird es eine einsame Reise. Aber es ist besser allein zu sein, als an einem verrückten Konkurrenzkampf teilzunehmen für den ihr später mit Leiden teuer bezahlen müsst.

Heilsame Aktivitäten
Die vierte Bedingung in unserem Alltag ist, wenn wir nicht gerade meditieren, eine Menge an heilsamen Dingen zu tun um gutes kamma zu entwickeln. Wenn ihr heilsam handelt, werden gutes kamma, reine Zustände des Geistes und andere Qualitäten kultiviert. Geduld, liebende Güte und Mitgefühl, Gleichmut, Ehrlichkeit sowie Wahrhaftigkeit - all diese Dinge werden durch heilsames Handeln gefördert. Den Armen zu helfen, der Umgebung zu helfen sind heilsame Aktivitäten. Aber passt auch auf, dass sie euch nicht zu sehr beschäftigen, sodass ihr nicht meditieren könnt oder euch nicht mehr nach Meditieren zumute ist. Sonst seid ihr am Endes des Tages fix und fertig und sitzt untätig und gelangweilt vor eurem Fernseher, der euch nur unnötig mit Sinnesobjekten füttert.
Heilsame Aktivitäten spielen eine sehr große Rolle im Leben der Hausleute. Einmal entwickeln diese Taten gewisse notwendige Fähigkeiten, besetzen den Geist mit heilsamen Dingen und dienen tatsächlich als eine Art Freisetzung guter Emotionen. Musik kann auch gute Emotionen freisetzen. Macht Dinge, die extra Energie und Emotionen in guter Weise freisetzen, damit sich der Geist entwickelt. Letztendlich ist auch - um einen vernünftigen theoretischen Hintergrund zu bekommen - Lesen notwendig. Wenn ihr eine solche Basis etabliert habt, solltet ihr versuchen in all euren täglichen Aktivitäten Achtsamkeit zu praktizieren. Es gibt gewisse Punkte, die ihr verstehen müsst. Eure Meditation im Alltag kann nicht so gut sein wie während eines Retreats. Nach eurem Retreat werdet ihr nicht 100% eurer Konzentration verlieren, wahrscheinlich aber 90%, 95% oder 99%.
Da euer Geist aber schon die Basismethode kennt, wird er darauf zurückkommen, wenn ihr frei seid oder die Bedingungen passend sind. Das ist genau wie bei einer Pflanze. Wenn ihr sie wässert, wächst sie schön und buschig. Wenn es kein Wasser gibt oder nur einige Tropfen, werden die Blätter abfallen, bis nur noch ein Blatt, die Wurzel und der Stängel übrig bleiben. Aber noch ist nicht alles verloren. Wenn ihr frei habt, wässert ihr sie wieder und ihr werdet drei oder vier Blätter erhalten. Das ist besser als nichts. Die Pflanze ist nicht gestorben. Wenn sie vollständig vergangen ist, wird euer Geist sich in einem schrecklichen Zustand befinden. Der Dämon hat euch vollständig übernommen. Deshalb müsst ihr die Achtsamkeit erhalten. Das Problem ist, dass die meisten Leute, bevor sie mit dem Meditieren anfangen, bevor sie auf Retreats anwesend sind, gar nicht wissen, was Achtsamkeit ist. Wenn ihr ein besseres Verständnis der Natur der Achtsamkeit habt, könnt ihr sie auch außerhalb der Retreats erhalten oder sie zumindest in einem gewissen Grade in eurem Alltag entwickeln.

Verlangsamung
Es gibt eine Menge an Dingen, die es vereinfachen die Achtsamkeit aufrecht zu erhalten. Das Wichtigste ist, dass ihr euch nicht beeilt. Eile scheint harmlos, aber tatsächlich ist sie es, wo die Achtsamkeit verloren geht. Ihr macht dies, dann das, beeilt euch und schon habt ihr eure Achtsamkeit verloren. Mit ihrem Verlust entstehen Zorn und Ungeduld mit all ihren Folgen. Wenn ihr euch nicht beeilt, habt ihr Zeit nachzudenken, zu erwägen und zu prüfen, zu beobachten und Ruhe zu bewahren. Wenn ihr hier und dorthin hastet, ist da nicht genug Konzentration. Achtsamkeit kann so nicht entstehen und Konzentration ist auch nicht vorhanden, deshalb könnt ihr nicht in die Tiefe gehen.

Wenn ihr schon vorher meditiert habt und euer Geist schon tief konzentriert war, dann findet einen freien Zeitraum wie am Morgen oder am Abend, wo ihr alles beiseite legen könnt und macht eure Meditation. Wegen eurer früheren Erfahrung kann die Konzentration wieder zu einem gewissen Umfang zurückkehren. Aber ihr müsst den ganzen Tag aufpassen. Hetzt euch nicht ab und sagt keine Dinge ohne Achtsamkeit. Sonst werden all die Dinge, wenn ihr meditiert, zurückkommen um herumzunörgeln. Wenn ihr zu einem gewissen Grad Bewusstheit bewahrt, anstatt ruhelos zu werden, ist Achtsamkeit da. Wenn ihr das vergesst, dann kehrt in den gegenwärtigen Moment zurück. Entspannt euch, lasst es fließen, macht gar nichts. Seid nur achtsam. Kehrt immer wieder zum Zustand der Achtsamkeit zurück. Entspannt euch, lasst alles gehen und seid zehn oder zwanzig Minuten ruhig am Tag, oder auch nur für den Moment. Ihr werdet den Unterschied in eurem Leben bemerken.

Eine Minute pro Tag
Nicht viele Leute können tatsächlich jeden Tag meditieren. Dazu braucht es eine große Entschlusskraft. Wenn diese nicht ausreicht, was können wir dagegen machen? Folgt dieser einfachen Regel: Jeden Tag setzt ihr einen Punkt um für eine Minute zu meditieren. Wenn ihr „Heben“ und „Senken“ sechzig Mal beobachtet, ist es schon mehr als eine Minute. Wenn ihr eine Minute pro Tag meditieren könnt, als Erstes am Morgen und als Letztes am Abend bevor ihr schlafen geht, könnt ihr sicher auch etwas länger meditieren. Wenn ihr euch hinsetzt und „Heben“ und „Senken“ sechzig Mal beobachtet, werdet ihr euch ruhig fühlen. Dann meditiert für zwei Minuten weiter. Wenn ihr zwei Minuten meditieren könnt, könnt ihr es auch für drei Minuten. Nach fünf Minuten mögt ihr genug haben, aber das macht schon tatsächlich einen Unterschied. Euer Tag beginnt glücklicher und achtsamer. Das Geheimnis besteht darin einfach anzufangen, die Maschine ins Rollen zu bringen. Wenn es kalt ist, mögt ihr vielleicht nicht meditieren. Aber bringt die Maschine einfach ins Rollen und es wird einige Zeit gehen. Tägliche Praxis beeinflusst euren Alltag positiv und die Meditationsfertigkeit wird in einem gewissen Masse aufrechterhalten. Auch wenn sie nicht so tief ist, erweitert sie zumindest eure Erfahrungen und bildet eine Basis, die, wenn die Bedingungen passender wie in einem Retreat sind, dazu führt, dass ihr eure Meditation sehr schnell wieder aufnehmen könnt. Einige machen nur durch ihre tägliche Praxis Fortschritte. Diese Leute meditieren jeden Tag ohne Unterlass.
Etwas, was in dieser Einer-Stunde-Pro-Tag-Praxis helfen kann, ist Konzentration, die den Geist schnell ruhig stellen kann. Es ist nicht so schwer, von einem unruhigen Geist zu einem friedvollen Geist zu kommen. Macht Metta-Meditation (Liebende-Güte-Meditation) oder singt für zehn oder auch nur fünf Minuten um die Gedanken abzuhalten und der Geist wird in einen ruhigen für die Vipassanā-Meditation günstigen Zustand kommen, ohne viel Zeit zu verlieren. Diese Fähigkeit sollte geübt werden. Diejenigen, die nicht singen können, können auch Gesang auf einer Kassette mit Achtsamkeit folgen und so alle anderen Gedanken abschalten, sodass in dem Moment, wo sie sitzen, der Geist schon beruhigt ist und sie mit Achtsamkeit die Objekte beobachten können. Sonst können Gedanken und Zorn eindringen und die Stunde ist schon vorbei, obwohl ihr nur fünf Minuten das „Heben“ und „Senken“ beobachtet habt und todmüde seid. Wenn ihr sehr beschäftigt seid und am Ende des Tages meditiert, dann braucht ihr nicht soviel Gehmeditation machen. Wenn ihr eine Menge physischer Energie während des Tages verbraucht habt, seid ihr vielleicht müde. Wenn ihr wirklich müde seid, schlaft ein wenig, bevor ihr meditiert. Die beste Zeit zum meditieren für beschäftigte Personen ist am Morgen. Ihr habt euch genug ausgeruht und euer Geist ist ausgeglichen. Ihr müsst es euch zur Gewohnheit machen morgens früh aufzuwachen und euch viel Zeit für die Meditation zu nehmen. Sonst, wenn ihr nur eine knappe halbe Stunde Zeit zum Meditieren habt, werdet ihr währenddessen daran denken, was ihr heute auf eurer Arbeit zu tun habt und schon ist die halbe Stunde um.
Eine andere Strategie um der täglichen Achtsamkeit zu helfen, ist richtig zu planen. Wenn ihr eure Arbeit gut organisiert, müsst ihr nicht soviel denken. Der Geist wird nicht so ruhelos. Organisiert zu sein, wird euch auch eine Menge an Zeit schenken um Heilsames zu tun.

Strebsamkeit
Mit Fleiß können Personen auch im Alltag Erfolg haben. Mit Strebsamkeit werdet ihr eurer spirituellen Praxis wirklich treu werden. Es ist kein Hobby, dass ihr nur tut, wenn euch danach ist. Es gibt Kontinuität. Andrerseits solltet ihr auch ein wenig vorsichtig sein, damit ihr euch nicht zu stark antreibt. Wenn ihr euch zu stark antreibt, ist es mehr wie eine Bestrafung oder Qual. Dann werdet ihr vielleicht das Anfangen fürchten und ihr meditiert nur, weil ihr müsst. Schließlich gebt ihr auf. Es gibt eine Kontinuität des Bestrebens. Versucht euer Bestes. Erwartet nicht zu viel von euch selbst. Es gibt Regeln und der Geist ist dazu konditioniert bei größeren Erfahrungen einen höheren Zustand anzunehmen. Nach einiger Zeit, wenn der Geist genug Schwungkraft auf Grund der Konditionierung hat, wird er durchbrechen, weil es tief im Geiste diesen Wunsch gibt, dieses „Programm“ es geschehen zu lassen. Ohne Ambitionen ist der Wunsch Fortschritte zu machen nicht da und der Geist akkumuliert nicht genug Bedingungen (Energie). Ihr fühlt keinen Fortschritt und die Konzentration kommt nicht auf.

Die Gratwanderung (Living on the edge)
Es gibt eine tiefere Praxis, die mehr ist als nur der Versuch an der Oberfläche zu bleiben. Das nennt man die Gratwanderung. Hier versucht ihr, an der Kante zwischen dieser und der anderen Welt zu leben. Zwischen Konvention und Realität. Zwischen Person und Nicht-Person. Zwischen der Stufe, die durch Hemmungen beeinflusst ist und der, die nicht durch Hemmungen beeinflusst ist. Wie hier schon vorher erwähnt wurde, ist der Unterschied zwischen dem Alltag und einem tatsächlichen Retreat der, dass ihr während eines Retreats viel Zeit habt tiefere Stadien der Konzentration zu bekommen. Wenn ihr geht, schaut ihr nicht rechts oder links, ihr schaut nur herunter. Wenn ihr „Heben“ und „Senken“ beobachtet, erzählt dir niemand: „Du hast einen Anruf“, und es kommt auch kein Kind und zieht an deinen Händen und Füßen. In einem Retreat habt ihr den Luxus eure ganze geistige Kraft in die Praxis zu legen. Deshalb verbessert sich die Konzentration sehr schnell. Im Alltag ist das nicht so leicht. Wenn ihr jedoch ernsthaft praktiziert, werdet ihr auch tiefe Stufen der Konzentration und eine Menge neuer Erfahrungen erreichen. Das bedeutet mit dieser Gratwanderung zu leben. Die Schönheit von vipassanā liegt in der momentanen Konzentration. In der Samatha-Meditation ist das nicht so. Dort müsst ihr euch von allen weltlichen Aktivitäten abschotten, um die Stufe der Vertiefung und Konzentration aufrecht zu erhalten. Wenn ihr einmal aus einer intensiven Samatha- Praxis herauskommt, wird der Geist sehr empfindlich. Er kann „verletzt“ werden. Wenn die Leute aus dem samādhi herauskommen, werden sie mit Sinnesobjekten bombardiert. Es ist möglich, dass sie dann schnell zu ihren Höhlen und Wäldern zurücklaufen. Während tiefen samādhis ist die Erfahrung sehr friedvoll. Das ist viel besser als andere weltliche Beschäftigungen.
Wenn ihr Ruhe und Frieden wollt, müsst ihr ein einsiedlerischeres Leben leben. Ruhepraxis passt nicht in den Alltag, weil, wenn ihr in die täglichen Aktivitäten involviert werdet, ihr all eure Konzentration verliert. Es sei denn ihr lebt als Einsiedler, aber nicht notwendigerweise als Mönch.

Klares Verständnis
Vipassanā-Konzentration kann im Alltag immer bis zu einem gewissen Grade erzielt werden. Hier ist der wichtige Teil der Praxis klares Verständnis. Klares Verständnis des Ziels, klares Verständnis der Angemessenheit. Das Ziel ist dass, was ihr tun möchtet. Eine Absicht entsteht und ihr notiert die Absicht. Ihr wisst, dass einige Absichten heilsam und andere unheilsam sind. Wenn sie unheilsam ist, dann lasst es. Wenn es heilsam ist, könnt ihr es tun. Nun kommen wir zum klaren Verständnis der Angemessenheit. Angemessen für die Praxis, angemessen um viele andere Dinge zu tun. Bei der Gratwanderung ist es angemessen, in tiefere Erfahrungsstufen zur anderen Welt hineinzugehen, nämlich zum Nicht-Selbst, zur Realität. Deshalb seid achtsam, wann immer ihr es wollt. Sobald es angemessen ist, schaltet ihr auf Achtsamkeit um. Ihr werdet dann nur den Geist-Körper- Prozess, so wie er ist, erfahren. Wenn ihr z. B. im Bus sitzt und nichts zu tun habt, könnt ihr achtsam sein auf „Heben“ „Senken“ „Hören“ Hören,“ ein Schmerz hier, ein Schmerz da... Aber ihr könnt natürlich nicht so tief gehen, weil ihr sonst eure Haltestelle verpasst.
Deshalb müsst ihr das Hinein- und Herausgehen kontrollieren lernen. Wenn ihr erst einmal diese Kunst gemeistert habt, fällt es euch leicht. Es ist ein schmaler Grat. Speziell, wenn ihr einen gewissen Grad an Achtsamkeit und Klarheit aufrechterhalten könnt, könnt ihr jederzeit „hineingehen“. Zum Beispiel während des Gehens. Natürlich nur, wenn es ein gerader Weg ist und es keine Autos gibt. Wenn ihr daran gewöhnt seid, geht ihr auf dem Weg, bemerkt nichts anderes und zur rechten Zeit kommt ihr heraus. Die Frage der Angemessenheit wenden wir an, wenn wir fragen, ob es angemessen ist zu praktizieren. Es gibt eine Fähigkeit des Geistes Bedingungen herzustellen um für kurze Zeit in die Meditation einzutauchen und wieder aus ihr herauszukommen. Am Anfang gelingt dies meist nicht, da das Eintauchen Zeit kostet. Ihr müsst auch mit dem Denken kämpfen, dann auf das „Heben“ und „Senken“, also die Atmung achten, sie überhaupt finden etc. Aber wenn ihr erst einmal daran gewöhnt seid in die Konzentration hineinzugehen und das „Heben“ und „Senken“ zu beobachten, neigt ihr dazu euch von den anderen Dingen abzutrennen. Ihr werdet „Innen“ sein. Gehen ist diesbezüglich schwieriger, da ihr dabei normalerweise zum Herumschauen tendiert.
Wenn euer Geist wirklich in Konzentration gehen möchte und ihr die Objekte beobachten und alles andere vergessen könnt, könnt ihr diesen Augenblick kontrollieren. Ihr bleibt in dem Moment, wo es nicht passend ist, draußen und wenn der nächste Moment passend ist, geht ihr in die Konzentration hinein. Wenn ihr länger praktiziert und daran gewohnt seid, ist das durchaus erreichbar. Der Grat ist aber tatsächlich sehr schmal.

Erlebte Konzentration
Wenn ihr in Stadien tiefer Konzentration hineingehen könnt, wenn auch bloß für eine Sekunde und herauskommt, ist es gut genug. Diese eine Sekunde kann eine sehr tiefe Erfahrung sein. Deshalb übt, sodass ihr in angemessenen Momenten komplett für einen kurzen Moment in das Objekt vertieft seid und wieder herauskommt. Dies wird Gratwanderung genannt. Das ereignet sich öfter in Traditionen, die eine alltägliche Praxis der intensiven formalen Meditation gegenüber bevorzugen. Die Leute in diesen Traditionen versuchen, den ganzen Tag über achtsam zu sein. Das machen sie in Sekundenbruchteilen, während sie mit ihrer Arbeit oder anderen Tätigkeiten beschäftigt sind. Da sie Achtsamkeit haben, können sie schnell in die Konzentration hineingehen und genauso schnell wieder herauskommen. Sie erfahren komplette Vertiefung im Moment. Viele Leute kommen zu Retreats und praktizieren auch hart, aber wenn sie wieder nach Hause kommen, ist alles wieder wie zuvor. Wenn ihr allerdings in einen Moment vertieft sein und wieder herauskommen könnt, dann habt ihr eine Menge Gelegenheiten die tieferen Aspekte der Meditation auch im Alltag zu entwickeln.

Hier noch ein paar Ratschläge. Wenn ihr erst einmal kontinuierliche Achtsamkeit erreicht, seht auf das Objekt und trennt das Ich-Konzept ab. Dieses Konzept ist es, dass Denken und Unruhe hervorbringt. Wenn ihr das Ich-Konzept abgetrennt habt, trennt das Raumkonzept ab. Danach trennt das Zeitkonzept ab. Nehmt zum Beispiel ein einfaches Objekt wie Gehen. Wenn ihr ständig im Sinn habt „Ich bin hier, dies ist der Körper“ und ähnliche Gedanken, könnt ihr nicht tief in die Erfahrung hineingehen. Deshalb kümmert euch nicht um das „Ich“. Es ist der Geist, der es erfährt. Denkt nicht an Raum. Denkt nicht, dass ihr euch bewegt. Bewegung ist selbst das Objekt. Dann gibt es nur noch die Bewegung. Es ist, als wenn ihr selbst an einem sich nicht ändernden Punkt verbleibt. So wird Bewegung euer Objekt. Denkt nicht daran, was ihr gerade macht, z. B. ihr geht gerade für immer und ewig oder so etwas Ähnliches. Ihr habt alle Zeit der Welt zu gehen, denkt nicht darüber nach. Dann sinkt der Geist tiefer. Es ist nur eine Frage der Haltung. Wenn ihr das könnt, während ihr auf einen Bus wartet oder während ihr zufällig für fünf Minuten geht, kann der Geist in völlig tiefe Konzentration sinken. Auch wenn ihr dann geht, werdet ihr keine Geräusche hören und auch überhaupt nichts sehen. Es sind nur für ein oder zwei Sekunden der Geist und das Objekt da.
Wenn ihr natürlich Achtsamkeit im Alltag und intensive Retreats kombinieren könnt, ist das das Beste. Damit ihr besser während des Retreats meditieren könnt, bereitet euch bitte vor. Stellt sicher, dass ihr regelmäßig sitzt. „Startet die Maschine“ und versucht noch vor dem Retreat all eure Arbeiten zu beenden. Viele Leute, die zum Retreat kommen, aber viel Arbeit haben, hasten nach dem Meditieren nach Hause um ihre Arbeit zu beenden. Dann kommen sie wieder zum Retreat und sind so müde. Der ganze Stress braucht einige Zeit um überwunden zu werden. Aber wenn ihr schon vorbereitet seid bei eurer Ankunft, gibt es einen großen Unterschied. Anstatt dass ihr drei oder vier Tage braucht um wieder dort zu sein, wo ihr gewesen seid, braucht ihr nur noch ein oder zwei Tage und schon macht ihr Fortschritte.