-essentials of insight meditation practice-

die praxis der einsichtsmeditation

10. Das Balancieren der fünf Kontrollfähigkeiten

Das Balancieren von Energie und Konzentration
Lasst uns zuerst einen Blick auf das Balancieren der Fähigkeit der Energie (V) (viriya) und der Konzentration (E) (ekaggata) werfen. Die unterschiedlichen Stärken der Faktoren V/E, lassen gewisse Arten von Bewusstsein entstehen. Wenn sie gut balanciert sind (+V+E) oder (-V- E) ist der Geist stabil und dies führt normalerweise zur Entstehung von Achtsamkeit. Wenn sie unbalanciert sind, tendiert der Geist zu einem Faktor und führt so zur Unruhe (+V-E) oder Müdigkeit (-V+E).
Diese Balance-Beziehung darf nicht mit anderen mentalen Faktoren, die auch zur selben Zeit anwesend sind, durcheinander gebracht werden. In einem nicht Meditierenden, der einen klaren Geisteszustand hat, sind V/E auch gut balanciert. Das bedeutet aber nicht, dass Achtsamkeit vorhanden ist. Deshalb ist es notwendig eine neue Variable (S) (sati) einzuführen. (S) repräsentiert die Ab- oder Anwesenheit von Achtsamkeit und damit, ob das Bewusstsein heilsam oder unheilsam ist. Die außerdem noch genannte Variable (C) (chanda) repräsentiert die mentale Kraft (oder den „Drive“), die sich mit kontinuierlicher und intensiver geistiger Übung erhöht. Ich würde diese Kraft als „chanda“ oder „Wunsch zu tun“ oder wie es in einem Abhidhamma-Buch heißt, als „Das Phänomen (dhamma), welches das Objekt wünscht“, bezeichnen.

Hier werde ich die Stärke dieser Kraft so kennzeichnen:

C1 = wenig Wunschkraft
C2 = stärkere Wunschkraft
C3 = sehr starke Wunschkraft


Das vitale Spiel dieser vier Variablen (C/S/V/E) kann am besten in der folgenden Tabelle zusammen mit den Beschreibungen der verschiedenen korrespondierenden Bewusstseinsarten zusammengefasst werden:

C1 Stufe (Anwesenheit von wenig Wunschkraft)
Am Anfang der Meditation, wenn praktisch noch keine Schwungkraft da ist. Das tritt in den ersten paar Tagen eines Retreats auf.
a) (-S) (sati) Ohne Achtsamkeit (Der Geist ist unheilsam) -V-E Balancierter Zustand von schwacher Energie und schwacher Konzentration
Dies repräsentiert einen schwachen Bewusstseinszustand, der hauptsächlich durch Langeweile und Stumpfsinn repräsentiert wird.

+V-E Energie ist größer als Konzentration
Der Geist ist nicht ruhig und wandert zu vielen irrelevanten Gegen- ständen.

-V+E Die Energie ist geringer als die Konzentration
Dies repräsentiert einen schläfrigen, träumenden oder lethargischen Geist. Tritt häufig bei Meditation am Morgen auf.
+V+E Balancierter Zustand von starker Energie und starker Konzentration Man ist angespannt und gestört.
b) (+S) (sati) Mit Achtsamkeit (Der Geist ist heilsam)
-V-E Balancierter Zustand von schwacher Energie und schwacher Konzentration

Leichte Achtsamkeit. Aber da die Fähigkeiten nicht stark sind, ist auch die Achtsamkeit nicht stark. Solch ein balanciertes Stadium ist das eines gewöhnlichen Mannes, der sich gerade von einem Schock erholt. Sein Geist ist im klaren Zustand.

+V-E Energie ist größer als Konzentration Die Achtsamkeit ist nicht in der Lage lange auf einem Objekt zu verweilen. Sie tendiert dazu viele Objekte, die noch nicht dran sind, zu notieren.

-V+E Die Energie ist geringer als die Konzentration Der Geist beruhigt sich durch die Meditation, obwohl er noch leicht gestört werden kann. Das Objekt wird nicht gut erkannt, da die durch Energie erzeugte Wachsamkeit fehlt.

+V+E Balancierter Zustand von starker Energie und starker Konzentration Die Achtsamkeit wird besser und die Konzentration vertieft sich. Die Achtsamkeit ist mehr oder weniger kontinuierlich.

C2 Stufe (Anwesenheit von starker Wunschkraft)
Nach der ersten Woche fängt die Schwungkraft an zu arbeiten. Der Geist wird kraftvoll. Das kann gut oder schlecht sein! Mit der richtigen Methode sollte es allerdings gut sein.
a) (-S) (sati) Ohne Achtsamkeit (Der Geist ist unheilsam) -V-E Balancierter Zustand von schwacher Energie und schwacher Konzentration.
Wie in Stufe C1 (+V+E-S)

+V-E Energie ist größer als Konzentration
Der Geist wird extrem unruhig, rennt über alles hinweg und ihr könnt ihn nicht stoppen. Wie jemand, der über Probleme nachdenkt, sie aber nicht lösen kann. Verspannung baut sich auf.

-V+E Die Energie ist geringer als die Konzentration Der Geist wird sehr steif und schwer. Die Objekte werden gewöhnlich vergrößert und zu stark wahrgenommen. Nimittas oder visuelle geistige Objekte gibt es reichlich und sie verweilen lange. Schwere breitet sich im Kopf aus.

+V+E Balancierter Zustand von starker Energie und starker Konzentration Der Geist ist hysterisch. Er möchte heulen oder ist deprimiert. Das kann stundenlang anhalten (ein gefährliches Stadium). b) (+S) (sati) Mit Achtsamkeit (Der Geist ist heilsam) -V-E Balancierter Zustand von schwacher Energie und schwacher Konzen- tration
Wie in Stufe C1 (+V+E+S)

+V-E Energie ist größer als Konzentration
Der Geist ist sehr hell und wachsam, aber er kann keine tiefe Konzentration erzeugen. Er schwebt über den Objekten oder beschäftigt sich mit äußeren Objekten. Dies tritt oft nach einer sehr gründlichen Gehmeditation auf, wenn der Geist nach einer Zeit von aktivem Notieren aufgeladen ist.

-V+E Die Energie ist geringer als die Konzentration
Die Konzentration vertieft sich. Etwas Achtsamkeit ist noch anwesend. Deshalb baut sich keine Spannung auf, obwohl Schwere anwesend sein kann. Vielleicht hört man keine Geräusche mehr und „erwacht“ später sehr erfrischt. Aber man kann nichts im Detail oder scharf notieren.

+V+E Balancierter Zustand von starker Energie und starker Konzentration Die Achtsamkeit ist scharf und die Konzentration tief. Gute Meditation ist unterwegs. Man ist in der Lage, die geistigen und körperlichen Prozesse - so wie sie sind - mit ihren allgemeinen und spezifischen Merkmalen zu beobachten.

C3 Stufe (Anwesenheit von sehr starker Wunschkraft)
Nach einigen Wochen (oder länger) der intensiven Praxis könnt ihr hoffen, dass euer Geist mit voller Kraft läuft. Wie weit ihr gekommen seid, hängt von der Kraft (C) eures Fahrzeugs (des Geistes) ab.
a) (-S) (sati) Ohne Achtsamkeit (Der Geist ist unheilsam)
-V-E Balancierter Zustand von schwacher Energie und schwacher Konzentration
Wie in Stufe C2 (+V+E-S)

+V-E Energie ist größer als Konzentration
Der Geist ist vollkommen verwirrt und außer Kontrolle.

-V+E Die Energie ist geringer als die Konzentration
Ein besitzergreifender zwanghafter Geist zu einem Thema. Er ist abgesperrt vollkommen zurückgezogen. Der Geist kann halluzinieren.

+V+E Balancierter Zustand von starker Energie und starker Konzentration
Der Geist eines Verrückten. Wütend wie ein Berserker.
b) (+S) (sati) Mit Achtsamkeit (Der Geist ist heilsam)
-V-E Balancierter Zustand von schwacher Energie und schwacher Konzentration
Wie in Stufe C2 (+V+E+S)

+V-E Energie ist größer als Konzentration
Der Geist ist sehr wachsam und hell. Er kann nicht schlafen. Die Meditation wird durch die Nacht aufrechterhalten, aber die Konzentration hält nicht an.

-V+E Die Energie ist geringer als die Konzentration Die Konzentration ist sehr tief und verweilt sehr lang in glückseligen Vertiefungen, aber die Achtsamkeit und Einsicht entwickelt sich nicht schnell oder klar.

+V+E Balancierter Zustand von starker Energie und starker Konzentration Der Geist ist wie der eines Heiligen. Unerschütterlich durch weltliche Bedingungen, da man die wahre Natur der Welt versteht und so nicht daran anhaftet.

Aus dem obigen ist zweifelsfrei ersichtlich, dass die Anwesenheit von Achtsamkeit (+S) bei intensiver Meditation sehr wichtig ist. Dieser eine Faktor hält den Geist davon ab, in falscher Konzentration (E) verloren zu gehen. Es ist eine gute Sache immer etwas Achtsamkeit zu haben, auch wenn jemand reine Ruhemeditation übt. Dieser Faktor wird oft übersehen. Wenn die Achtsamkeit (+S) anwesend ist, dann ist man zumindest ungefährdet. Wenn man sich der Achtsamkeit nicht sicher ist, dann sollte man sich darüber versichern oder aufhören.
Der nächste Schritt ist die Energie- (V) und Konzentrationsfähigkeit (E) zu balancieren. Dies kann entweder durch Erhöhen eines Faktors oder durch Erniedrigung des anderen getan werden. Am Anfang der Meditation ist es angemessener die schwache Fähigkeit zu erhöhen (+). Es kann nicht zu viel falsch gemacht werden, wenn die Wunschkraft (C) noch schwach ist.

Zum Beispiel im Falle von C1 (-V+E) + (+V) = C1 (+V+E)

Wenn die Fähigkeiten in einem mehr entwickelten Zustand sind, könnte man die stärkere Fähigkeit auch schwächen (-), um eine sicherere Entwicklung zu gewährleisten. Speziell wenn ungenügend Aufmerksamkeit oder Zeit verfügbar ist oder wenn es an Praxis mangelt.

Zum Beispiel im Falle von C2 (-V+E) + (-E) = C2 (-V-E)

Wenn jemand jedoch große Aufmerksamkeit hat und großes Können aufweist, dann kann man die mangelnde Fähigkeit erhöhen. Dies verspricht einen schnelleren Fortschritt.

Zum Beispiel im Falle von C1 (-V+E) + (+V) = C1 (+V+E)
Zum Beispiel im Falle von C2 (-V+E) + (+V) = C2 (+V+E)
Zum Beispiel im Falle von C1 (+V-E) + (+E) = C1 (+V+E)
Zum Beispiel im Falle von C2 (+V-E) + (+E) = C2 (+V+E)

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, nicht nur die Faktoren einfach zu er- höhen oder zu erniedrigen. Es geht darum, um wie viel wir sie erhöhen oder erniedrigen. Die korrekte Umsetzung wächst natürlich mit unserer Erfahrung. Das generelle zur Beurteilung herangezogene Kriterium ist die Stabilität der Achtsamkeit und dann die Tiefe der Konzentration. Das heißt, mit Erhöhung der Achtsamkeit, verstärken sich Energie und Konzentration Hand in Hand.

Das Balancieren von Glaube und Weisheit
Anders als die Balance von Energie und Konzentration, die oft wie zwei Waagschalen funktionieren, beziehen sich die Fähigkeiten Vertrauen und Weisheit auf den Anfang und das Ende der Praxis.
Denn die Weisheit von der wir sprechen, entsteht durch Meditation (bhavana maya pañña) und solch eine Weisheit hat man nicht am Anfang, sondern sie wird mit der Praxis entwickelt. Deshalb hat am Anfang jede hier angewandte Art von Balance mit Wissen zu tun, das durch Denken (cinta maya pañña) entsteht. Dieses Wissen wird nicht noch nicht im Moment des Beobachtens oder des Notierens erzeugt. Eine Balance von Glauben und Wissen auf diesen niedrigeren Stufen ist notwendig um eine stabile Basis für die Praxis zu bekommen. Sonst entsteht leicht skeptischer Zweifel (wegen des verwirrten und spekulativen Denkens) oder über- mäßiges Vertrauen, das zur Leichtgläubigkeit in eine falsche Praxis führen kann. Beides lähmt den Fortschritt. Solch eine Balance wird durch korrekte Interviews mit einem guten Lehrer, der Inspiration und Einfühlungsvermögen besitzt, herbeigeführt. So ein Lehrer hilft euch, wenn euer Vertrauen auf einem niedrigen Niveau ist und ihr zusätzliche Informationen benötigt, oder wenn es an Weisheit oder Wissen mangelt.
In der tatsächlichen Praxis ist es deshalb angemessener zu fragen:
Welche Rolle spielt Glaube oder Vertrauen beim Aufbau der Fähigkeiten, die zur Befreiung führen?

Glaube oder Vertrauen ist wie ein Starter oder eine Zündkerze. Es ist der Beginn des spirituellen Lebens. In Buddhismus ist Glaube der Glaube an die drei Kleinodien (buddha, dhamma, sangha).

Durch diesen Glauben führen wir verdienstliche Taten (dana, sila, bhavana) aus, die uns glücklich machen. Es ist wie ein Schlüssel zu einer Schatztruhe. Deshalb wird gesagt: „Glaube ist der größte Reichtum“. Aber wenn uns unser Glaube nur soweit führt, dass wir Nächstenliebe haben und die 5 Gebote befolgen, kann es uns nur das Glück der Menschen und den sinnlichen Himmel offerieren. Wenn er uns dazu führt reine Ruhemeditation zu praktizieren, die zu den weltlichen Vertiefungen (lokiya jhana) führt, dann wird er uns zum Glück der Brahmas geleiten. All diese Zustände sind aber unbeständig. Das ist natürlich besser als in den Höllen zu leiden. Es wäre aber noch besser, wenn uns unser Glaube aus dem Zyklus des Geborenwerdens und Sterbens (samsara) herausführen würde und wir komplett frei vom Leiden wären und ewigen Frieden – nibbana – hätten. Als solches muss er uns nicht nur zur Vipassana-Praxis führen, sondern auch dazu, dass wir die Praxis erfolgreich beenden. Das ist wie das Überqueren des Ozeans und deshalb wurde gesagt, dass man durch den Glauben in der Lage sei den Ozean zu überqueren.
Deshalb muss die Fähigkeit Glauben nicht nur die Energie zum Prakti- zieren erzeugen, sondern man muss genug Vertrauen haben um lang genug zu praktizieren und auch, um all die anderen Fähigkeiten wie die der Achtsamkeit, Konzentration und Weisheit zu erzeugen. All diejenigen, die denken, „wir haben einfach nicht genug Zeit zum Praktizieren“, haben nicht genug Vertrauen. Wenn Vertrauen da wäre, würde man sich die Zeit dazu nehmen.
Wenn die Leute sagen, heutzutage könne man den heiligen Pfad nicht mehr erreichen, nehmen sie sich nicht nur selbst die Chance, sondern ver- unsichern auch die leidenden Mitgefährten. Sie haben überhaupt kein Ver- trauen.
Wenn man etwas Lohnenswertes erreichen möchte, sollte man positiver denken. Natürlich muss man auch realistisch sein. Deshalb wird blinder Glaube im Buddhismus nicht befürwortet. Wir brauchen Theorie (ausge- wähltes Lesematerial), gut ausgewählte Lehrer und gesunden Menschenverstand. Mit der Zeit wird Erfahrung erlangt und mit dieser Erfahrung steigt das Vertrauen und das Wissen.
Wie schon oben erwähnt, wird Wissen, dass durch Nachdenken entsteht als irregeleitet oder spekulativ (das ist die falsche Art von Wissen) be- schrieben. Es ist eine Tatsache, dass unser aus Beobachtung und Notieren erhaltenes Wissen in dem Masse anwächst, je näher wir unserem Ziel kommen. Dieses Wissen weist uns den Weg. Es zeigt uns unsere Fehler und wie wir sie vermeiden, auch unsere guten Fähigkeiten, und wie wir sie verbessern. Letztendlich führt dieses Wissen dazu, dass wir die Wahrheit er- fahren.
Weisheit oder Wissen ist deshalb das Mittel, das zum Ende führt, ist aber nicht das Ende selbst! Dies gilt auch für das Wissen, das aus der Kultivierung des Geistes entstanden ist und über das oft als Einsicht oder Ein- sichtswissen gesprochen wird. Deshalb ist es ein Fehler an irgendeiner dieser Einsichten anzuhaften.

Alle Fähigkeiten werden durch Wissen wie mit Zement gestärkt. Wissen hält alles in der erforderlichen Form zusammen, weil es alle Dinge in ihrer wahren Bedeutung erhellt. Deshalb gibt es niemals ein Überschuss dieser Art des Wissens. Es mangelt zu oft daran (ausgenommen in den Vollkommenen).

Andere Wege die Fähigkeiten der Energie und Konzentration zu balancieren

1. Die Art der angewandten Achtsamkeit
Zusammen mit dem mit Achtsamkeit verbundenen Bewusstsein (citta), entstehen auch andere geistige Faktoren (cetasika). Diejenigen, die uns hier interessieren, sind keine anderen als Energie (viriya) und Einspitzigkeit oder Konzentration (ekagatta), die mit den beiden zu balancierenden Fähigkeiten korrespondieren. Sobald wir präziser wissen, was für eine Achtsamkeit benötigt wird, können wir sie entsprechend hervorbringen.
• Wenn wir müde oder lethargisch sind, brauchen wir mehr die energetische Form der Achtsamkeit. Sie sprudelt leicht heraus, wenn man voller Eifer ist. Man muss sich klar machen, dass mentale Energie nicht mit physischer Energie verwechselt wird. Wenn wir die mentale Energie aufbauen, ist das besser mit einem entspannten Körper als mit einem Körper voller Spannungen. So werdet ihr die Wachsamkeit kennen lernen, die jederzeit bereit zum Reagieren ist. Sie ist der aktive Aspekt der Achtsamkeit.
• Wenn jedoch die Energie exzessiv ist und sich zur Unruhe neigt, dann bringt eher eine entspanntere und leichtere Form der Achtsam- keit Balance hervor. Man sollte sein Herz in friedvolle Ruhe bringen, im Geiste dabei den Segen der Loslösung haben. Es ist der stille, friedvolle und einspitzige Aspekt der Achtsamkeit.

2. Die Art der arbeitenden Achtsamkeit
• Systematische oder Gerichtete Achtsamkeit heißt Kultivierung der Achtsamkeit, indem man nach einem bestimmten System die Acht- samkeit auf die Objekte richtet. Etwas Ähnliches haben wir schon früher bezüglich der Priorität der Objekte besprochen. Zuerst notiert der Meditierende z. B. das Basisobjekt, dann die dominanten Sekun- därobjekte etc.

• Wahllose Achtsamkeit ist Achtsamkeit auf alle Objekte, die ent- stehen und die ins geistige Auge eindringen. Es wird keine Anstrengung für die Auswahl der Objekte unternommen.

Gewöhnlich beginnt man mit Gerichteter Achtsamkeit, da das energetischer ist und zu einem schnelleren Aufbau der Achtsamkeit führt. In Bezug auf die vier rechten Anstrengungen korrespondiert es mit dem Überwinden der üblen geistigen Zustände und dem Hervorbringen von reinen geistigen Zuständen, die noch nicht entstanden sind.
Deshalb wird die Gerichtete Achtsamkeit dann benutzt, wenn die Fähigkeiten schwach sind, wenn Stärke benötigt wird um die Befleckungen zu überwinden oder um Fortschritte zu neuen Einsichten zu machen. Ungerichtete Achtsamkeit oder wahllose Achtsamkeit wird häufiger an- gewandt, wenn die Achtsamkeit mehr oder weniger kontinuierlich ist. Das heißt, wenn die feineren Objekte genauso wie die gröberen notiert werden können. Außerdem gibt es auch eine Menge Objekte, für die ihr keinen Namen habt. Durch wahllose Achtsamkeit wird die Achtsamkeit sehr stabil. Bezüglich der vier rechten Anstrengungen korrespondiert das damit, die üblen Zustände zu vermeiden und die reinen Zustände zu erhalten. Da das Aufbringen des Geistes auf das Objekt bei dieser Art reduziert ist, neigt auch der Energiefaktor zur Reduktion. Mit wahlloser Achtsamkeit kann auch, aber nur wenn die Achtsamkeit kontinuierlich geworden ist, Konzen- tration aufgebaut werden. Daher kann, sobald der Geist unruhig ist, die wahllose Achtsamkeit den Geist beruhigen und entspannen.

3. Trial-and-Error-Methode (Die Methode des Ausprobierens um dann aus seinen Fehlern zu lernen) In der Praxis ist es nicht immer so leicht auszumachen, warum die Fähigkeiten nicht in Balance sind. Deshalb können wir in solchen Situationen die Trial-and-Error-Methode anwenden. Wenn der Meditierende z. B. auf einen „stecken gebliebenen Geist“ trifft, das ist ein Geist, der behindert und unfähig ist irgendetwas zu notieren, kann er diese Vorgehensweise gebrauchen. Die Ursache kann exzessive Konzentration oder Energie sein oder auch das Zweifeln, was es nun eigentlich genau sei.
Der Meditierende balanciert nun anfangs den Geist zur Energieerhöhung so, indem er viele Berührungspunkte notiert. Wenn das nicht funktioniert, entspannt er sich, lehnt sich zurück und übt wahllose Achtsamkeit und auch wenn erst einmal nichts passiert, verbleibt er einfach so. Wenn das wieder nicht funktioniert, ergreift der Meditierende noch einmal die Maßnahme der Energieerhöhung, also die Technik des erhöhten Berührungspunktenotierens. Früher oder später wird eine der beiden Methoden funktionieren.
Manchmal strengen wir uns zu sehr an und wir enden dann in einem Problem oder haben einen „stecken gebliebenen Geist“ oder wir entspannen uns zu stark und enden mit einer anderen Art von Problem. Durch viel Praxis können wir solche Exzesse und Mängel reduzieren und den Geist zu einem Punkt der exakten Balance läutern. Dieser balancierte Zustand der Achtsamkeit vertieft sich mit der Erhöhung der Fähigkeiten von Energie und Konzentration in gleicher Stärke. So entwickeln sich immer tiefere Stufen der Achtsamkeit. Das bedeutet, wir werden immer entspannter und ruhiger und auch die Wachheit erhöht sich.

Wenn man dies kann, das heißt, kontinuierliches Erhöhen in einer balancierten Art über längere Zeit, wird der Meditationsfortschritt sehr weit gehen.
Ein steckengebliebener Geist ist ein Geist, der gelangweilt und müde ist, zu viel Energie oder harte Konzentration hat.

4. Das Wählen der angemessenen Körperhaltung oder angemessener Objekte, die die Fähigkeiten entweder erwecken oder reduzieren a) Die Körperhaltungen sind physischer Natur, aber sie können das Balancieren der Fähigkeiten beeinflussen. Und zwar durch:

i Ausüben physischer Anstrengungen, die den Geist beeinflussen ii Die Art der anwesenden Objekte.

Obwohl physische und mentale Anstrengung unterschiedlich sind, beeinflusst die erstere die letztere in einem gewissen Masse. Im Allgemeinen verstehen wir, dass, wenn wir mit physischen Aktivitäten beschäftigt sind, auch der Geist zu einem gewissen Grade aktiviert wird. Wir können das in eine Tabelle mit der physischen Anstrengung, die mit beteiligten geistigen Anstrengungen korrespondiert, ungefähr so eintragen wie folgt:

+++V Stehen (eine große Menge Energie)
++V Gehen (eine gute Portion Energie)
+V Sitzen (wenig Energie)
OV Liegen (keine physische Anstrengung)

Aus diesem Grunde kann Gehen helfen, wenn wir lethargisch oder müde sind. Und wenn wir unruhig, verspannt oder verstört sind, kann Sitzen oder Liegen helfen. Die letzte Haltung der vier (das Liegen) wird normalerweise nicht empfohlen, weil man zu leicht einschläft, obwohl man das durchaus machen kann, wenn man krank ist oder zu schlafen beabsichtigt. Das gewöhnliche Verfahren ist allerdings die gleiche Zeit zu sitzen wie zu gehen (z. B. je eine Stunde). Zu viel zu sitzen oder zu gehen (das heißt mehr als eine Stunde) wird nicht befürwortet. Das gilt besonders für Anfänger, weil sie oft nicht in der Lage sind danach die Achtsamkeit aufrecht zu erhalten. Es muss jedoch klar sein, dass das Balancieren der Fähigkeiten mental ist und nicht physisch und deshalb, falls man auch nach einer Stunde gut in der Achtsamkeit und Konzentration fortschreiten kann, gibt es in dem Fall keinen Grund, warum man die Körperhaltung wechseln sollte.

b) Die die Körperhaltungen betreffenden Objekte können auch das Balancieren der Fähigkeiten beeinflussen.

i „Sitzen“ und „Berühren“
Während „Berühren“ zu den physischen Empfindungen am Kontakt- punkt gehört, gehört „Sitzen“ zu den physischen Empfindungen, die nicht Kontaktpunkte sind. Das „Sitzen“ besteht aus vielen physischen Kräften wie ziehen, spannen, verzerren etc., welche die sitzende Haltung bewahren. Diese Kräfte beinhalten hauptsächlich das Windelement. Daneben kann auch Hitze, Härte etc. gefühlt werden.
Wie lange man sich mit jeder Notierung (S oder B) aufhält, variiert mit den Bedingungen. Wenn man müde ist und die Objekte unklar erscheinen, dann sollte man sich nicht so lange (ca. 5 Sek. an jedem Punkt) mit ihnen aufhalten, aber wenn man nicht schläfrig ist, kann man länger beobachten (z. B. 50 Sek. 100 Sek. oder länger), um die unterschiedlichen Empfindungen wahrzunehmen. Wenn jemand sehr hartnäckig kontinuierlich S,S,S... B, B, B... notiert, wird eine Menge Energie wach und in vielen Fällen kann die Schläfrigkeit überwunden werden. Dann kann man mehr Empfindungen erkennen. Solche wie S1, S2, S3, S4... etc oder B1, B2, B3 etc. (siehe Diagramm).
Eine andere Möglichkeit ist, nur die unterschiedlichen Berührungs- punkte zu beobachten B1, B2, B3... etc. und zwar energetischer, wenn man schläfrig ist oder die Objekte unklar sind. Wenn die Achtsamkeit der Erwartung entspricht, kann man einen ausgewählten Punkt länger beobachten (das heißt 100 Sek. oder länger). Dies kann für Anfänger, die noch nicht richtig verstehen, was mit den „Sitzen“ - Empfindungen gemeint ist, nützlich sein.
Wenn sich die Konzentration aufgebaut hat, wird man sich all der Empfindungen im Körper bewusst, und wenn es gut passt, kehrt man dann zur wahllosen Achtsamkeit zurück.
Im Allgemeinen weckt das „Sitzen“ und „Berühren“ die Energiefähigkeit, weil eine Menge Anstrengung benötigt wird die Achtsamkeit zu halten oder sie auf die betreffenden Empfindungspunkte zu lenken.

ii „Heben“ und „Senken“
„Heben“ und „Senken“ bezieht sich auf die Ein- und Auswärtsbewegung der Bauchregion beim Atmen. Wenn wir den sehr unregelmäßigen Bewegungen folgen, tendieren wir dazu den Rest um uns herum zu vergessen. Dadurch wird das Objekt immer feiner. Als solches verursacht es eher Konzentration als „Sitzen“ und „Berühren“, das eher mit Schmerz assoziiert wird.
Hinsichtlich der Fähigkeit den Geist schnell zu beruhigen ist das "Heben" und "Senken" jedoch, wegen seiner Unregelmäßigkeit und Grobheit, weniger gut geeignet als die Beobachtung des Atems an den Berührungspunkten der Nasenspitze. Aus demselben Grund ist es aber auch leichter das „Heben“ und „Senken“ als Vipassana-Objekt im Sinne der Einsichtsmeditation zu sehen.


iii Schmerzhafte Gefühle
Dieses Objekt weckt wegen seiner scharfen und starken Natur eine Menge an Energie, wenn kein Zorn vorhanden ist! Dazu müssen wir den Geist auf den Schmerz mit starker und fester Achtsamkeit gerichtet halten.

iv Angenehme Gefühle
„Glück“, baut leicht Konzentration auf. Deshalb müssen wir sehr acht- sam sein oder wir fallen in den Schlaf.

v Geräusche/Hören
Geräusche werden normalerweise nicht als primäres Vipassana-Objekt benutzt, da sie dazu tendieren den Geist zu zerstreuen. Sie sind außer- halb und fremd. Deshalb führen sie definitiv nicht zur Konzentration. Geräusche helfen auch nicht die gewünschte rechte Anstrengung zu stimulieren. Sie können jedoch bei der Wachheit auf den gegenwärtigen Moment helfen, wenn alle anderen Objekte unklar sind.

vi Gehen
Gehmeditation tendiert dazu, wegen der aktiven Natur dieses Prozesses, eine Menge Energie und Achtsamkeit zu erwecken. Man muss viele Bewegungen und Absichten notieren. Aus diesem Grund ist es auch oft nicht leicht tiefe Konzentration zu bekommen. Deshalb muss man lernen dabei sehr entspannt zu sein

vii Sehen/Licht
Wie die Geräusche muss auch das Sehen aufgegeben werden, wenn die Konzentration tiefer wird. In der Gehmeditation sind die Augen gewöhnlich offen und das Sehen ist unvermeidlich. Das kann Anfänger sehr stören und deshalb müssen sie regelmäßig das Zügeln des Auges üben und „Sehen, Sehen“ notieren. Jedoch wegen seiner hellen und sich ausdehnenden Natur, kann es einen gewissen Grad an Energie wach- rufen und Mattigkeit vertreiben.
Es gibt eine andere Art von Licht, die mit dem geistigen Auge beim Sitzen mit geschlossenen Augen gesehen wird. Diese werden als geistige Bilder klassifiziert. Beim Vipassana, werden sie notiert und verschwinden deshalb. In der Samatha-Meditation, werden sie benutzt, um Konzentration zu erzeugen.

Jetzt verstehen wir, dass, wenn wir ein Objekt wählen können, wir auch eines wählen können um die Fähigkeiten zu balancieren. Es ist z. B. bei Müdigkeit besser, den Schmerz und „Sitzen“ sowie „Berühren“ zu beobachten als „Heben“ und „Senken.
Wir können auch das Umgekehrte anwenden, damit wir die entsprechenden Fähigkeiten erhöhen oder erniedrigen, falls irgendein von uns aus- gewähltes Objekte nicht erscheint um so die Fähigkeiten zu balancieren. Schmerz erhöht sehr leicht die Energie, deshalb wird hier ausbalanciert durch entspannteres Notieren. Andererseits ist bei einem angenehmen Ge- fühl mehr Wachheit und energischeres Notieren erforderlich.
Ein anderer Punkt ist das Temperament des Individuums. Der mehr energetische Typ braucht Ruhe, während der mehr träge Typ Energie braucht.