-essentials of insight meditation practice-

die praxis der einsichtsmeditation

5. Achtsamkeit auf die Gefühle (vedananupassanā)

Unangenehme Gefühle
Ein für Anfänger sehr nützliches Objekt ist der Schmerz. Das, wovon wir die ganze Zeit zuvor gesprochen haben, fällt unter kāyanupassanā satipatthāna oder die Achtsamkeit, die sich auf den Körper oder die Körperaktivitäten und Prozesse bezieht. Also: „Heben, Senken“ und „Sitzen, Berühren“ und „Gehen, Essen“ und so weiter. All dies fällt wie gesagt unter kāya und kāya fällt unter rūpa, was wiederum unter die materiellen Qualitäten fällt. Diese enden schließlich hauptsächlich in den vier Elementen (Erde, Feuer, Wasser und Wind) und ihr werdet herausfinden, dass es größtenteils das Windelement ist, das dominiert. Es ist das Element der Bewegung, Spannung, Vibration und so weiter.
Wenn ihr diese Charakteristik herausschälen und sie als Prozess beobachten könnt, seid ihr achtsam genug die drei Daseinsmerkmale zu erfassen. Das Merkmal der Unbeständigkeit, Leidhaftigkeit und des Nicht- Selbst. Die klare Erfahrung dieser Merkmale und ihr Verstehen ist Einsicht. Schmerzhaftes Gefühl ist etwas, was wir nicht vermeiden können. Es ist eines der Dinge, die durch unseren Körper entstehen. Besser als Schmerzen zu vermeiden versuchen, wie wir es normalerweise tun, können wir sie während der Meditation benutzen um unsere Achtsamkeit, Konzentration und Einsicht zu entwickeln.
Bei der reinen Einsichtsmeditation ist Schmerz ein häufiger Begleiter. Das kommt daher, weil ihr sehr achtsam auf die Körperprozesse seid. Wenn er auftaucht, müsst ihr ihn sofort achtsam notieren. Was heißt das eigentlich, achtsam notieren? Der Hauptfaktor für den Geist ist sich daran zu erinnern, friedvoll zu sein und in einem ungestörten Zustand zu verbleiben. Normalerweise werden wir verspannt oder sind ängstlich, wenn Schmerz auftaucht. Wir möchten ihn vermeiden und davor fliehen. Jedoch anstatt zu fliehen, solltet ihr den Schmerz willkommen heißen wie einen Freund oder einen harten Lehrer. Er ist ein guter Lehrer voller Mitgefühl, aber ein harter Lehrer.
Da viele Menschen einen harten Lehrer brauchen, solltet ihr auf jedes Wort hören, wenn sich der Lehrer Schmerz niedersetzt und euch eine für euch gute Lektion oder Predigt gibt. Euer Geist sollte dabei weich und empfänglich sein.
Wenn er kommt, seid friedvoll und entspannt wie Baumwolle, die alles absorbiert, aber selbst ungestört verbleibt. Bei geringeren oder kleineren Schmerzen ist es einfach, aber wenn der Schmerz intensiver wird, dann festigt die Achtsamkeit. Jetzt wird ein fester, aber friedvoller und ungestörter Geisteszustand benötigt. Es wird manchmal dazu kommen, dass der Geist sich aufregt und das ist gewöhnlich mit Böswilligkeit oder Ärger verbunden. Nun solltet ihr „Ärger, Ärger, Ungeduld, Ungeduld“ notieren. Nehmt einen tiefen Atemzug, versucht zu entspannen, stabilisiert die Achtsamkeit und beobachtet dann weiter.

Wie man lernt unangenehme Gefühle achtsam zu betrachten
Wenn ihr fähig seid, den Schmerz achtsam zu beobachten, heißt das nicht nur, dass ihr den Geist auf den Schmerz richten sollt. Wenn ihr den Geist nur auf den Schmerz richtet, ist es ein reines Konzentrieren auf den Schmerz und der Schmerz wird überbewertet und verstärkt. Ihr werdet dann einen kleinen Schmerz für einen großen halten, einen großen Schmerz für einen riesigen. Wenn eure Achtsamkeit nicht stark genug ist, werdet ihr aufgeben.
Der Trick besteht darin, den Geist nicht auf den Schmerz gerichtet zu halten, sondern ihn zu beobachten. Beobachtung beginnt mit dem Identifizieren der verschiedenen Arten des Schmerzes, der präsent ist – bitterer Schmerz, heißer Schmerz etc. Seht selbst, wie viele Schmerztypen ihr durch Beobachten unterscheiden könnt. Wie können wir sie beschreiben? Wenn ihr die verschiedenen Schmerzarten klar erkennen könnt, werdet ihr auch in der Lage sein zu sehen, wie sie entstehen und vergehen. Ihr werdet bemerken, wie sie sich von einem Ort zum anderen zu bewegen scheinen und so weiter. Wenn ihr anfangt, die Veränderung wahrzunehmen, spürt ihr es anfänglich wahrscheinlich als eine Art Pochen. Danach werdet ihr in der Lage sein, die Veränderungen immer klarer zu sehen. Dasselbe Prinzip den Schmerz zu beobachten, wird während einer Krankheit angewandt. Wenn ihr während einer Krankheit gezwungen seid den Schmerz zu beobachten, konzentriert ihr euch nicht auf ihn, weil er dann schmerzhafter wird. Die Idee ist, die Veränderung zwischen den schmerzhaften Gefühlen zu beobachten.
Normalerweise nehmen die Leute den Schmerz nicht so gern als Hauptobjekt, da er sehr stressig sein kann. Nichtsdestotrotz, wenn ihr vipassanā übt, müsst ihr ihm schließlich gegenübertreten. Ihr müsst ihn - solange ihr achtsam seid -beobachten. Wenn der Punkt kommt, wo ihr wirklich nicht mehr achtsam sein könnt, oder wenn ihr nur so dasitzt, euch auf die Zunge beißt und nur daran denkt „wann hört das endlich auf?“, dann ist keinerlei Achtsamkeit mehr da. Nun ist es sinnlos geworden und Zeit die Haltung zu ändern. Entweder durch Strecken der Beine um sie dann in eine neue Position legen oder um zum Gehen aufzustehen.
Es gibt natürlich einige Phasen, durch die ihr durchgehen müsst, bevor ihr das macht. Zuerst beobachtet den Schmerz direkt. Wenn ihr das nicht mehr könnt, beobachtet ihn indirekt und wenn ihr das auch nicht mehr könnt, ignoriert den Schmerz und beobachtet irgendetwas anderes. Nur wenn ihr all das oben Gesagte nicht mehr tun könnt, solltet ihr euch be- wegen und die Haltung ändern.
Die Hauptsache ist nicht, dazusitzen und sich zu wünschen, dass der Schmerz weggeht, sondern zu sitzen und Achtsamkeit dem Schmerz gegen- über zu entwickeln. So entwickelt ihr gleichzeitig auch Konzentration und Einsicht.

Wichtige Punkte bei der Schmerzbeobachtung
Zuerst stellt sicher, dass ihr achtsam seid. Zweitens seid vom Körper wie abgelöst. Meist ist der Schmerz tatsächlich nicht so schlimm. Es ist die Furcht vor Verletzungen oder dem Tod, die uns davon abhalten den Schmerz zu beobachten.
In den meisten Fällen wird der Schmerz nicht so stark, als dass er euch tatsächlich schaden könnte. Das Problem ist mehr die Angst davor. Die Anleitung sagt nicht, dass ihr zehn Stunden lang sitzen sollt. Die Anweisung lautet eine Stunde zu sitzen. Gewöhnlich, wenn ihr für eine Stunde sitzt, wird nichts mit eurem Körper oder euren Beinen schief gehen. Es gibt auch verschiedene Arten, den Schmerz zu beobachten. Die bevorzugte Art ist die Einspitzigkeit, das heißt, ihr bestimmt den schmerzhaftesten Teil und schießt eure Achtsamkeit darauf ein. Dies wird das direkte Zusammentreffen genannt. Achtsamkeit ist wie das Messer eines Chirurgen, das hineingeht und beobachtet. Gewöhnlich wird der Schmerz, wenn euer Geist einspitzig und richtig darauf fokussiert ist, sehr stark. Normalerweise kann man so ein gewisses Maß an Veränderung erkennen, und wenn ihr es lang genug auszuhalten vermögt, verschwindet der Schmerz.
Wenn das nicht klappt, kann man unter Umständen eine „breite“ Sicht anwenden. Das macht ihr z. B., wenn euer ganzes Bein schmerzt. Kein einzelnes Teil des Beines scheint schmerzvoller als die anderen. Die ganze Situation scheint so zu sein: „Hier Schmerz, dort auch Schmerz, überall nur Schmerzen.“ Nun müsst ihr eure Achtsamkeit so weit ausbreiten, dass sie euer ganzes Bein bedeckt. Sonst bleibt, wenn ihr nur einen Teil beobachtet, ein anderer Teil eures Körpers voller Schmerz. Wenn ihr nun diesen beobachtet, ist wieder ein anderer voller Schmerz. Der Geist kann dann wegrennen wollen und abgelenkt werden.
Wenn der Schmerz allerdings durch eine physische Ursache entstanden ist, wenn ihr also krank seid, ist die Art der Schmerzen meist ausdauernder und hartnäckiger. Sie gehen nicht weg, da die Schmerzen nicht der Meditation entsprungen sind, oder durch eine Körperhaltung verursacht wurden. Es ist etwas physisch nicht in Ordnung mit dem Körper. In solch einem Fall, ist es ratsam, dass man dem Schmerz am Anfang nicht so viel Aufmerksamkeit widmet. Da er nicht weggeht, kann er durch die Aufmerksamkeit sonst sehr stressig werden.
Dann rate ich dazu ihn zu ignorieren. Baut lieber die Achtsamkeit und Konzentration auf leichtere Objekte wie „Heben“ und „Senken“ auf. Wenn ihr euren Geist gut auf das „Heben“ und „Senken“ lenken könnt, seid ihr in der Lage den Schmerz zu ignorieren. So werdet ihr ihn überhaupt nicht mehr spüren.
Wenn eure Achtsamkeit und Konzentration entwickelt ist, könnt ihr Einsicht bekommen und die drei Daseinsmerkmale des Schmerzes erfahren. Wenn ihr dieses erhaltene Wissen auf eine Krankheit anwendet, seid ihr fähig mit ihr umzugehen und vielleicht könnt ihr sie so auch überwinden oder heilen.

Deshalb hat die Meditation auf die schmerzhaften Gefühle tatsächlich viele Vorteile. Erstens werden wir fähig dem Schmerz in einer friedvolleren und würdevolleren Art und Weise zu begegnen, falls wir sowieso nicht davon wegkommen können. Wenn wir zum Beispiel eine ernste Krankheit bekommen, können wir trotzdem einen friedvollen und glücklichen Geist behalten, was auch immer als Nächstes passiert.
Zweitens ist Schmerz ein sehr kräftiges Objekt. Es ist einzigartig für vipassanā. Es kann Vipassanā-Konzentration, sofern ihr es ertragen könnt, sehr schnell hervorbringen. Das Problem ist, dass es sehr tyrannisch ist und eine Menge Kraft kostet. Wenn ihr es jedoch aushalten könnt, erhaltet ihr Vipassanā-Konzentration sehr schnell. Wenn ihr es als Vipassanā-Objekt nehmen könnt, dann könnt ihr leichter Einsichtswissen erreichen und ihr bewegt euch näher an euer geliebtes Ziel nibbāna heran.

Angenehme und neutrale Gefühle
Natürlich begegnen uns nicht nur schmerzhafte Gefühle. Wir haben auch angenehme oder schöne Gefühle. Schöne körperliche Gefühle bedeuten physische Gemütlichkeit. Dies ist für den Anfänger meist nicht so offensichtlich, es sei denn beim Schlafengehen. Wenn ihr euch hinlegt, fühlt ihr euch sehr angenehm und deshalb schlaft ihr dann auch sehr schnell ein. Mit Recht solltet ihr auch bis zum Einschlafen achtsam weiternotieren. Was ist wichtig, wenn angenehme Gefühle im Geist entstehen? Angenehme Gefühle erscheinen, wenn sich die Konzentration aufbaut und Freude entsteht. Wenn Freude und ein friedvoller Bewusstseinszustand entsteht und ihr euch glücklich fühlt, dann müsst ihr das achtsam notieren. Ihr müsst eure Energie und Wachheit aufbauen, sonst schlaft ihr ein oder haftet an den angenehmen Gefühlen an. In diesem Fall gibt es keinen Fortschritt. Schlimmer noch, ihr könntet falsche Konzentration bekommen und Halluzinationen, da Verlangen eingesetzt hat.
Deshalb müsst ihr es notieren. Stellt sicher, dass ihr sehr kraftvoll notiert, wenn glückliche Gefühle entstehen. Wenn ihr glückliche Gefühle - so wie sie entstehen und vergehen - sehr achtsam notieren könnt, dann könnt ihr damit fortfahren und erhaltet so das Wissen der drei Daseinsmerkmale. Vipassanā-Einsicht oder Wissen bezieht sich hier auf das Entstehen und Vergehen der angenehmen Gefühle.
Wenn ihr aber die angenehmen Gefühle notiert und keine Veränderung sehen könnt, bleibt es nur angenehm, friedvoll und nichts weiter. Jetzt ist es doch besser sich nicht in diesem geistigen Zustand aufzuhalten, unwichtig wie angenehm er ist. Es ist „gefährlich“. Die Achtsamkeit könnte wegrutschen und ihr könntet in einer Art falscher Konzentration enden. Deshalb holt den Geist besser aus den angenehmen Gefühlen heraus und lasst ihn stattdessen das „Heben“ und „Senken“, das „Sitzen“ und „Berühren“ oder den Schmerz beobachten.
In fortgeschritteneren Meditationsstufen seid ihr später nicht nur in der Lage angenehme Gefühle zu notieren, sondern auch neutrale Gefühle. Ihr werdet sehen, dass die neutralen Gefühle die subtilsten aller Gefühle sind. Es ist der Gleichmut, der von den neutralen Gefühlen hervorgebracht wird und der den Geist richtig friedvoll und konzentriert macht. Es ist wie ein stiller Zustand eines Sees, sehr ruhig und sehr klar. Es gibt keine Wellen. Der Moment der Entstehung von Wellen bedeutet, dass jetzt andere Gefühle mehr hervorstechen.
Meditation auf die Gefühle wird vedananupassanā genannt. Es ist der zweite Pfeiler der Achtsamkeit. Wenn ihr achtsam auf die Gefühle sein könnt, werdet ihr ein Meister der Gefühle. Ihr könnt davon für jeden edlen Zweck Gebrauch machen.
Dies sind die zwei grundlegenden Objekte. Die Achtsamkeit auf den Körper und die Gefühle. Ihr werdet merken, dass diese Achtsamkeit in beiden Fällen den Geist letztendlich zu einem natürlichen Geist- oder Körperprozess führt. Im Falle von körperlichen Aktivitäten ist es der Körperprozess. Im Falle der Gefühle ist es der Geistprozess. Wenn ihr die geistigen oder körperlichen Prozesse sorgfältig beobachtet, dann beobachtet ihr eine Folge von Erscheinungen. Auf diese Weise betrachtet, seht ihr in das Merkmal der Unbeständigkeit. Wenn das Merkmal der Unbeständigkeit klar wird, wird auch das Merkmal des Leidens klar. Wenn diese beiden Merkmale klar werden, wird das Merkmal des Nicht-Selbst klar. So könnt ihr mit eurer Meditation fortfahren und sie verbessern um Einsichtswissen zu bekommen.