-essentials of insight meditation practice-

die praxis der einsichtsmeditation

8. Die Priorität der Objekte

Systematisches Notieren & wahllose Bewusstheit

Frage: Was für Objekte beobachten wir?

Antwort: Wir beobachten die Objekte, die für uns einfach zu beobachten sind, sodass die Achtsamkeit ihre wahre Natur erkennen kann.
In der Mahasi-Tradition lernt man das Beobachten des „Hebens“ und „Senkens“ der Bauchdecke. Wenn man es achtsam verfolgt, beobachtet man tatsächlich nicht nur das Element der Bewegung, sondern auch viele andere damit verbundene bedingte Phänomene. Dieses Objekt ist zum An- fang gut:

• Da „Heben“ und „Senken“ zu den materiellen Phänomenen gehört. Sie sind grob und deshalb leicht zu beobachten. Geistige Phänomene sind feiner und schwerer zu fassen.
• Es ist nicht schmerzhaft. Deshalb kann man es länger ohne Stress oder Müdigkeit notieren.
• Es bewegt und verändert sich. Dadurch ist es nicht so monoton wie ein statisches Objekt. Mehr noch, es zeigt klar den Faktor des Wechsels.

Wenn man sich beim Beobachten dieses Objekts etwas bemüht, gewöhnt man sich schnell daran. Es ist dann dominant und dient als Primärobjekt. Man benutzt es als Basis um Achtsamkeit und Konzentration zu entwickeln.
Aber die Natur hat ihren eigenen Weg. Sie zeigt Unregelmäßigkeiten und Inkonsistenzen auf. Deshalb ist das Objekt manchmal abwesend oder verschwommen. In diesen Momenten sind andere Objekte vorherrschend (z. B. Geräusche, Schmerz) und so sind diese achtsam zu notieren. Ein anderer wichtiger Grund, weswegen ein anderes Objekt notiert werden muss, ist, wenn eine Befleckung da ist (das heißt, eine Anhaftung, Müdigkeit, Ärger, Unruhe etc.). Es ist wichtig, dass sie behandelt und entfernt wird. Diese Objekte, die gewöhnlich keine lange Zeit zum Notieren benötigen (anders als die Primärobjekte), werden Sekundärobjekte genannt. Wenn die Sekundärobjekte lange Notierungszeiträume einnehmen, werden sie als Primärobjekte betrachtet um Achtsamkeit und Konzentration aufzubauen.
Wenn z. B. das „Heben“ und „Senken“ abwesend ist, kann man das „Sitzen“ und „Berühren“ als Primärobjekt nehmen. Wenn später Schmerz vorherrschend wird und nicht weggeht, dann nimmt der Schmerz die zentrale Position der Meditationsobjekte ein. Bei der Gehmeditation ist der Gehprozess das Primärobjekt (1°). „Sehen“ ist hier dann das wichtige Sekundärobjekt (2°). (°) bedeutet Grad, also Objekt ersten und zweiten Grades.


Das Diagramm zeigt das systematische Ändern der primären und sekundären Objekte. So wird während einer Sitzmeditation notiert:
1. Das Objekt mit der höchsten Priorität ist das vorherrschende Objekt, das für eine lange Zeit achtsam beobachtet werden kann.
2. Das vorherrschende Objekt wird von einem folgenden ersetzt, wenn dieses ein Objekt ist, dessen Beobachtung notwendig ist und das man los- werden muss. Das heißt eine Hemmung oder eine Befleckung.
3. Das vorherrschende Objekt wird von dem folgenden Objekt ersetzt, wenn es ein sehr dominantes Objekt ist, beispielsweise Schmerz
4. Bei der Wahl zwischen mehr als einem Sekundärobjekt, die von gleicher Stärke sind, gibt man internen Objekten wie „Sitzen/Berühren“ den Vorzug vor den äußeren Objekten z. B. Geräuschen, weil diese nicht förderlich für die Konzentration sind.
5. Wenn die Achtsamkeit kontinuierlich wird, wird der Geist flexibel und deshalb kann man nun ein Objekt zur Beobachtung auswählen, dass die Einsicht besser aufbauen kann als andere. Man nimmt also eines, das die drei Daseinsmerkmale der Unbeständigkeit, Leidhaftigkeit und des Nicht- Selbst besser herausstellen kann.

Unbeständigkeit: Ein sich veränderndes Objekt wird einem sich nicht verändernden vorgezogen.
Leidhaftigkeit: Ein schmerzhaftes Objekt wird einem glücklichen Objekt vorgezogen, da letzteres stark zum Anhaften ermutigt.
Nicht-Selbst: Ein Objekt, das außerhalb persönlicher Kontrolle ist und damit das Nicht-Selbst herausstellt, wird einem anderen vorgezogen.

Obiges wird so lange ausgeführt, wie es geht. Ausnahmen sind zum Beispiel:
• Die Veränderung ist so unregelmäßig und schnell, dass man nervös und konfus wird.
• Schmerz oder Leidhaftigkeit werden so stark und schwächend, dass Ärger entsteht.
• Es passieren Dinge in einer sehr unkontrollierbaren Art und seltsamen Weise, sodass man erschrickt oder sich fürchtet.

6. Wenn sich die Achtsamkeit und Konzentration entwickelt, werden feine geistige Phänomene klarer und auch feine Aspekte der groben materiellen Objekte werden beobachtet. Jetzt werden auch geistige Objekte häufiger beobachtet.
Hierbei wird die Anstrengung hauptsächlich genutzt um die erhaltene Achtsamkeit zu bewahren oder ihre Kontinuität sicherzustellen. Der Geist wird in Ruhe gelassen um seine Objekte zu wählen, da man keine Zeit hat darüber nachzudenken. Mit zunehmender Praxis geht die Achtsamkeit wie von selbst weiter. Das ist der Moment, wo das Benennen verworfen wird. Diese Art der ungerichteten Achtsamkeit wird „Wahllose Achtsamkeit“ genannt. Sie ist oft sehr stabil, aber entsteht nur nach viel Training.

Der Anfänger muss den systematischen Weg des Notierens benutzen (Nr. 1.-5.), um die notwendige Achtsamkeit und Konzentration aufzubauen. Wahllose Achtsamkeit kann jedoch auch zu Zeiten benutzt werden, wenn der Geist überaktiv oder ruhelos ist. Das heißt bei Menschen, die eine Menge herumrennen und tagsüber sehr angespannt sind. Wenn man sehr kraftvoll versucht den Geist auf sein Objekt zu richten, endet es oft darin, dass es noch schlechter geht. In solchen Fällen sollte man achtsam auf alles sein, was einem vor dem geistigen Auge erscheint. Wenn Achtsamkeit und Ruhe einsetzen, kann man wieder zum systematischen Notieren übergehen und den Geist direkt zum Objekt bringen.


Die vier Grundlagen der Achtsamkeit In der Lehrrede über die vier Pfeiler der Achtsamkeit findet man in vier Kategorien eingeteilte Vipassana-Objekte:
1. Der Körper als Grundlage der Achtsamkeit – Materielle Phänomene (rupa)
2. Die Gefühle als Grundlage der Achtsamkeit – Gefühle (vedana)
3. Geist als Grundlage der Achtsamkeit – Bewusstsein (citta)
4. Dhamma als Grundlage der Achtsamkeit – Geistige Zustände (sankhara, cetasika)

Im Allgemeinen sind 2. – 4. feinere Objekte für Fortgeschrittene und deshalb wird der Meditierende gewöhnlich eher dazu tendieren mehr von der ersten Grundlage zu erfassen. Später mehr von der zweiten, dann von der dritten und zum Schluss von der vierten, je nachdem wie man Fort- schritte macht.
Aber innerhalb jeder Grundlage kann auch ein großes Ausmaß an Phänomenen gefunden werden.
Gefühle z. B. reichen von extremen Schmerzen zu sehr subtilen neutralen, dem Anfänger nicht zugänglichen Gefühlen. Bewusstsein reicht vom zornigen Bewusstsein bis zu weitreichenden Stadien von Vertiefungen. Es gibt Meditierende, die mehr Objekte einer anderen Grundlage wählen als andere, weil diese mehr zu ihrem Temperament passen. Der Kommentar rät, auch sie entsprechend ihrer Angemessenheit zu verwenden.
Viele haben durch Erfahrung herausgefunden, dass es sehr wichtig ist, einen festen Halt in der oft betonten Körper-Grundlage der Achtsamkeit zu bekommen bevor man mit den anderen Grundlagen weitermacht, obwohl es natürlich interessant ist, auch diese zu untersuchen. Das ist so, weil die Körper-Grundlage eine leichte Basis bildet um Achtsamkeit zu erhalten. Das gilt speziell für sehr schwierige Umstände in tieferen Stadien der intensiven Praxis. Ohne diesen festen Halt kann es passieren, dass man nicht mehr weiß, was am Besten zu tun ist.