-essentials of insight meditation practice-

die praxis der einsichtsmeditation

17. Wichtige Punkte für den Vipassanā-Fortschritt
Hier beschreibe ich einige wichtige Faktoren, die helfen die Meditationspraxis zu verbessern.

Tugend
Einer der wichtigsten Punkte für meinen Fortschritt war Tugend. Nicht, dass ich vorher untugendhaft war. Ich wurde nicht so sehr aus Glauben Mönch, sondern mehr aus Neugier. Als ich jedoch Mönch wurde, passierten eine Menge Dinge. Irgendwie wurde der Geist in dieser Art von Umgebung verändert. Die Tugend eines Mönchs ist zuerst nur eine Sache der Regelbefolgung und wenn wir den Tugendregeln folgen, vermeiden wir viele un- heilsamen Taten. Aber darüber hinaus heißt Tugend auch für einen Mönch, dass sein ganzer Lebensstil, seine ganze Zielsetzung verändert ist. Bevor ich Mönch wurde, studierte ich und war sehr zielorientiert. Ein Examen folgte dem anderen und es gab Zensuren über Zensuren. Wenn ihr erst mal aus diesem endlosem Konkurrenzkampf herauskommt und ein spirituelles Leben lebt, ist euer Ziel spirituelle Verwirklichung statt materieller Vorteile. Der durch die Mönchsregeln implizierte Lebensweg verwirft alle anderen Dinge und der Geist hat einzig Gedanken der Reinigung und der Verwirklichung. Er sucht nun nur nach dem absoluten Frieden.
Bestimmte Dinge im Geist klangen ab und ich bekam eine Menge Erfahrungen, die ich später als Vipasssanā-Erfahrungen wiedererkannte. Vorher praktizierte ich Zen, nicht das japanische Zen, sondern chinesisches Chan. Wenn ihr auf die Tugend eines Mönchs schaut, solltet ihr deshalb nicht meinen, dass sie sich auf einfaches Befolgen von Regeln beschränkt. Vielmehr ist es ein Lebensstil, der den Zielen, die in den gegebenen Regeln und Bedingungen enthalten sind, entgegenkommt. Ein gewöhnliches Beispiel ist dies: Wenn jemand zu einem Meditationszentrum kommt oder in einen Tempel, dort eine Zeit verbringt, soviel meditiert wie er oder sie kann und ein spirituelleres Leben lebt, dann beruhigt sich der Geist und wendet sich den spirituellen Zielen zu. Wenn allerdings die Tugend verfällt, wird es weniger Zurückhaltung geben und alles beginnt sich zu verschlechtern.

Buddhistische Metaphysik
Ein zweites wichtiges und hilfreiches Ereignis war, als ich begann abhidhamma zu studieren. Abhidhamma ist buddhistische Metaphysik. Es enthält das Studium der paramattha dhamma, der letztendlichen Wirklichkeiten, der verschiedenen Geist- und Körperprozesse und Charakteristika, der verschiedenen Bewusstseinsarten mit verschiedenen geistigen Zuständen (geistigen Faktoren).
Als ich das erste Mal nach Penang ging, war ich sehr am abhidhamma interessiert, da ich zuvor noch nichts darüber gehört hatte. Obwohl ich schon einige Abhidhamma-Bücher angesehen hatte, waren sie sehr technisch, enthielten bombastische Worte, die für mich keinen Sinn ergaben. z. B. wurde darin cetasika als geistiger Begleitfaktor bezeichnet. „Was bitteschön ist ein geistiger Begleitfaktor?“ Es wurden Worte wie Wahrnehmung benutzt und ich wunderte mich, was sie mit Wahrnehmung meinten. Das Lexikon sagt, „wahrnehmen“ ist Wahrnehmung. Was ist dann wahrnehmen? Wahrnehmen heißt wissen, aber was ist dann der Unterschied zwischen Bewusstsein und wissen? Das ist nicht sehr genau. Wenn man jedoch den Bogen heraus hat, versteht man, dass es nicht nur eine Sache des Lernens ist, sondern dass das Studium vielmehr Bezug zur eigenen Praxis haben muss. Glücklicherweise gab es zu der Zeit einen Lehrer, der abhidhamma lehrte und es zum täglichen Leben in Bezug setzte. Wenn man praktiziert, ist es hilfreich es auf die Praxis zu beziehen. Als ich eine Anzahl an Fragen hatte und gerade nicht intensiv meditierte, sagte er mir, dass ich sie zuerst analysieren und soviel wie möglich lesen sollte und erst dann ihm die Fragen stellen soll. Dies alles half mir später beim wachsamen Beobachten der verschiedenen Zustände und Bedingungen des Geistes. Es half mir auch, das Meditationsobjekt klarer abzugrenzen.
Wenn man z. B. über Begehren und Anhaften spricht und im abhidhamma nachschaut, gibt er klarere Definitionen, die man mit den verschieden arbeitenden Bewusstseinsarten in Beziehung setzen kann. Als ich dann hinausging und auf andere Mönche schaute, dachte ich: gut, hier ist Begierde, dieser hier hat Begierde. Ich beobachtete ihn, Essen auf diese Weise heißt also, er hat Begierde. Von da an begann ich den abhidhamma zu schätzen. Nicht viele Mönche studieren abhidhamma, deshalb war ich froh, dass ich in der Lage war die Dinge zu bemerken, die im Geist und Körper passieren. Das hilft enorm bei der Praxis. Das stoppt eine Menge Befleckungen und erhöht die Achtsamkeit. Natürlich betreffen viel Dinge innerhalb der Lehre die Praxis.

Wege um unsere Praxis zu verbessern
Der dritte wichtige und hilfreiche Punkt ist der gesunde Menschenverstand und das Ziel unsere Praxis verstehen zu wollen. Dadurch können wir dann die verschiedenen Wege beurteilen und unsere Praxis verbessern. Als ich abhidhamma studierte dachte ich jeweils, auf welche Weise wird dieses Kapitel mir bei meiner Praxis helfen? Ich würde mir dieses und jenes angucken und dann würde ich Wege und Möglichkeiten finden es anzuwenden.
Wenn ihr auf den dhamma selbst schaut, dem tipitaka, die Sutten und nicht nur auf den abhidhamma, werdet ihr einen Reichtum an Weisheit und Wissen finden. Ich war oft überrascht, dass ich, obwohl ich eine bestimmte Lehrrede schon ein paar Mal gelesen hatte, mehrmals etwas Wichtiges übersehen hatte. Dann las ich sie noch einmal und bekam eine neue Erkenntnis. Zuvor verstand ich sie nicht, erst beim zweiten Durchgehen konnte ich viele praxisrelevante Dinge sehen. Ich dachte meistens, dass es nur eine Wiederholung dessen sei, was in anderen Sutten schon gesagt wurde, aber plötzlich gab es irgendwie etwas Neues. Wenn ihr ernsthaft nachforscht und über die vielen Sutten nachdenkt, werdet ihr erkennen, dass es überall einen großen Reichtum an praxisbezogenem Wissen gibt.
Als Mönche rezitieren wir manchmal und entdecken dabei eine Lehrrede, die uns sehr gefällt. Wir lernen sie dann auswendig. Der erste Schritt des Studiums und Trainings ist traditionellerweise das Erinnerungsvermögen. Wenn das beim Rezitieren funktioniert, dann kommen Rezitation und Erinnerungsvermögen zusammen und nach einiger Zeit wird der Geist konzentriert. Wenn der Geist konzentriert ist, geht die Rezitation in den Geist hinein und bewegt sich dort. Wenn sie sich dort eine Zeit lang bewegt, vertieft sie sich und wir werden erkennen, dass es viele Dinge in den Sutten gibt, die auf die Praxis angewandt werden können. Deshalb finde ich, dass die Sutten zwar äußerlich oberflächlich scheinen, aber wenn man tiefer in sie hineingeht, kommt ein großer Reichtum an Weisheit und Wissen zum Vorschein.
In den ersten paar Jahren, beschäftigte ich mich wiederholt mit dem tipitaka. Auch jetzt noch entdecke ich viel für die Praxis aus den Texten. Deshalb ist die Praxis wie Forschung. Nachdem ihr die vorbereitenden Bereiche entdeckt habt, beschäftigt ihr euch mit den tieferen Aspekten. In jeder Sutte gibt es praktische Aspekte auf tieferer Ebene.

Konzentration
Der vierte am Fortschritt beteiligte wichtige Faktor ist Konzentration. Nur mit einem gewissen Grad an Konzentration wird tieferes Einsichtswissen aufsteigen. Nur dann ist der Geist stark genug die Durchdringungsarbeit zu leisten.
Mein erstes Meditations-Retreat war ein Dreimonats-Retreat im Penang Meditationszentrum. Ich hatte zuvor noch kein Vipassanā-Retreat gemacht. Ich ging einfach hinein und machte ein Dreimonats-Retreat. Auf diesem Retreat bemerkte ich, dass, wenn der Geist erst mal einen gewissen Grad an Konzentration erreicht hat, alles Mögliche passieren kann. Obwohl es Konzentration gab, waren die Erfahrungen im ersten Monat nicht so klar. Nach dem ersten Monat war all das Denken und die Unruhe vorbei und die Erfahrungen wurden sehr scharf. Ich bemerkte, dass ich unglaublich viel dachte. Da war so viel Denken. Ich wusste nicht, dass man soviel denken konnte! Wenn ihr anfangt zu meditieren und ihr wirklich totale Kontrolle über eure Unruhe habt, könnt ihr sehen, wie leicht der Geist einem entkommt.
Auf diesem Retreat war ich ab einem bestimmten Moment sehr damit beschäftigt herauszubekommen, warum Denken passiert. Ich bemerkte bei der Gehmeditation, z. B. zwischen dem Moment des Schrittanfangs und dem Absetzen des Fußes auf den Boden, dass der Geist wegglitt. Da es einen gewissen Grad an Achtsamkeit gab, der versuchte zurückzuverfolgen, was passiert war, konnte ich bemerken, dass ich im Moment des Weggleitens die Spur der Gedankenprozesse verfolgen konnte. Innerhalb dieser ein oder zwei Sekunden gab es mindestens zwanzig oder dreißig Gedanken, aber trotz der vielen Gedanken wusste ich auf Grund der Achtsamkeit, welcher Art diese Gedanken waren oder von zumindest einer Menge von ihnen. Einer kam nach dem anderen. „Das ist fantastisch!“ sagte ich, „Kein Wunder, dass der Geist sich nicht tiefer konzentrieren kann!“ Wenn die Gedanken schließlich für längere Zeit aufhören, entstehen all die klaren Erfahrungen eine nach der anderen. Die Lektion hier ist, dass man einen sehr starken Entschluss fassen sollte um wirklich kontinuierlich zu notieren und wenn der Geist abdriftet, klar zu benennen, wo er hingewandert ist. Bringt den Geist auf ein tieferes Niveau der Konzentration.
Später, beim Versuch weitere Fortschritte zu machen, kam ich zur Samatha-Meditation (Ruhemeditation). Dies geschah, als ich das zweite Mal nach Burma kam. Ich fand sie sehr nützlich, aber die Betonung liegt nicht auf der Samatha-Meditation. Als ich das erste Mal in Burma war, wollte ich sowohl samatha als auch vipassanā ausüben. Ich wollte soviel lernen, wie ich konnte. Jedoch war man nicht gewillt mich zu unterrichten. Sie sagten, „Jetzt ist vipassanā wichtig und erste Priorität.“ Deshalb musste ich vipassanā praktizieren, bis sie zufrieden waren. Ich kann das verstehen, weil die Menschen nur sehr wenig Zeit haben. Auch wenn ihr der Welt entsagt und Mönch werdet, wisst ihr in der Tat nicht, wie lang ihr Mönch bleiben werdet. Durch die unsichere Natur der Welt und ihrer Bedingungen, müsst ihr wählen und ich wählte vipassanā, Einsichtsmeditation weiterzumachen. Obwohl einige Leute sagen, ihr braucht Samatha- (Ruhe-) Meditation, jhānas etc., bevor ihr gute Fortschritte in Vipassanā-Einsicht machen könnt, kann ich aus persönlicher Erfahrung nicht bestätigen, dass sie für anfängliche Einsichtsstufen notwendig ist. Es ist ausreichend nur vipassanā zu machen und so durch die Einsichtswissen zu gehen.
Wenn jemand samatha kann, ist das natürlich ein Vorteil. Das Problem ist die Zeit,
die uns zur Verfügung steht. Um die grundlegende und notwendige Stufe der Konzentration als starke Basis für vipassanā zu erlangen, brauchen wir viel Zeit. Aber wir haben nicht viel Zeit. Auch wenn ihr von samatha zu vipassanā wechselt, heißt das nicht, dass ihr dazu in der Lage seid. Ihr habt nur den Vorteil des ruhigeren Geistes.
Ich stimme darin überein, dass es gewisse Menschen gibt, die wirklich zuerst diese Art der Ruhemeditation brauchen, bevor sie vipassanā machen. Das gilt für Personen mit sehr starken Befleckungen, die sie vorher erst kontrollieren müssen. Für die meisten Menschen, denke ich, ist es aber nicht absolut notwendig.
Trotzdem ist samatha, wenn man weiter in der Praxis voranschreitet, sehr hilfreich. Zum Beispiel wenn man in der Lage ist das Aufbrechen des „Hebens“ und „Senkens“ zu beobachten. Wenn das „Heben“ und „Senken“ sich durch dieses Aufbrechen in sehr kleine Partikel auflöst, wovon jedes dieser sehr feinen Partikel schnell von Moment zu Moment entsteht und vergeht, dann, wenn man in tiefe Samatha-Konzentration geht, können diese kleinen Partikel zu großen Ballons expandiert werden und jeder dieser großen Ballons dient als Basis, darin noch feinere Partikel zu entdecken. Die Geschwindigkeit der Veränderung scheint stark vergrößert zu sein. Es ist unter anderem aus den Sutten bekannt, dass Menschen mit diesem Einsichtsvehikel zur Arahantschaft, der höchsten Erleuchtungsstufe gelangen können.

Andere wichtige Faktoren
Es gibt andere wichtige Faktoren die die Anwesenheit eines Lehrers erfordern. Ein Faktor ist die Frage des Glaubens und des Vertrauens. Für den Anfänger ist das Vertrauen variabel und unstet. Es kommt und geht. Wenn die Dinge gut laufen, ist das Vertrauen hoch, aber wenn Schmerzen und Probleme auftauchen, dann sinkt das Vertrauen. Wenn die Dinge dann wieder gut laufen, steigt es und umgekehrt. Bei einem immer anwesenden Lehrer bleibt das Vertrauen und ihr könnt weitermachen.
Wichtig zu wissen ist, dass viele Dinge nur mündlich weitervermittelt werden. Es wurde zwar schon viel niedergeschrieben, aber viele Lehrer schreiben ihr Wissen nicht auf. Sie haben dazu nicht genug Zeit um all ihr Wissen aufzuzeichnen. Diejenigen, die es taten, schrieben es in Burmesisch auf, sodass ihr es nicht lesen könnt. Viele Dinge kann man außerdem nicht gut beschreiben. Ein weiteres Problem ist, dass Mönche in Roben nicht darauf hinweisen dürfen, dass sie eine Stufe der Heiligkeit erreicht haben und aus diesem Grunde gibt es sensible Themen, über die man nicht schreiben kann. Dies ist zum Schutz der Praktizierenden und auch der Lehrer selbst gedacht. Deshalb sind bis zu einem gewissen Grade Erfahrungen und Techniken in der oralen Tradition verblieben. Deshalb braucht ihr einen Lehrer. Oft lernen wir nicht nur von einem Lehrer. Auch andere helfen unsere Technik zu verbessern.

Der wichtigste Faktor ist die Praxis selbst.
Normalerweise muss sich die Praxis über Jahre hinweg entwickeln und intensive Meditation ist ein Muss, wenn ihr beabsichtigt die höchsten Stufen der Erleuchtung zu realisieren. Deshalb sollten eure Retreats nicht soweit auseinander liegen. Im Alltag müsst ihr außerdem sehr vorsichtig sein, da dies die Zeit ist, in der ihr durch Stress bedingte Befleckungen akkumuliert.
Vor einem Retreat empfehle ich, zumindest eine Woche vorher regelmäßig täglich zu meditieren. Sonst fängt man erst während des Retreats an eine Basis aufzubauen. Jemand, der so regelmäßig täglich eine Woche vorher meditiert, braucht vielleicht zwei oder drei Tage um dahin zu kommen, wo er das letzte Retreat verlassen hat. Für jemanden, der nichts gemacht hat, dauert es vielleicht vier oder fünf Tage und wenn diese Person vorher sehr beschäftigt war und eine stressige Zeit hatte, dann kann es auch noch länger dauern. Wenn ihr jedoch in der Zeit zwischen den Retreats Traumas oder andere schlechte Erfahrungen gemacht habt, müsst ihr vielleicht das ganze Retreat damit verbringen diese Dinge zu klären. Trotzdem ist das besser als innerlich zu verrotten. Wenn ihr anfangt innerlich zu verrotten, fängt es an zu stinken und euer Geist wird verdorben.
Seid versichert, es ist klar erkennbar durch die vielen Yogis, die ich gesehen habe, dass, wenn ihr hartnäckig seid, auf regelmäßige Retreats geht und regelmäßig zu Hause über längere Zeit meditiert, ihr etwas erreicht, auch wenn es nicht die magga, phala, Erleuchtung oder die Realisierung des nibbāna ist. Zumindest werdet ihr in die Nähe davon kommen. Und das alleine ist schon sehr gut. Über die tatsächlichen Faktoren, die das Überqueren hervorbringen, wird selten gesprochen, deshalb hängt über diesen Faktoren ein großes Fragezeichen.
Ich persönlich denke, dass es eine Menge mit vergangenen Verdiensten und karmischen Akkumulierungen zu tun hat. Wenn ihr geduldig seid, kommt nach einiger Zeit Fortschritt und ihr werdet definitiv irgendetwas bekommen und ihr werdet definitiv glücklicher sein. Tatsächlich werdet ihr unter den glücklichsten Menschen dieser Erde sein.