13. Die Unterschiede zwischen Ruhe- und Einsichtsmeditation
Es ist wichtig, dass der Meditierende Ruhe- und Einsichtsmeditation klar versteht. Im Dassuttara Sutta, der letzten Lehrrede in der längeren Sammlung, sagt Sariputta: „Es gibt zwei Zustände, die wahre dhammas sind, reale Phänomene, die entwickelt werden müssen.“ In Pali heißt das dve dhamma bhavetabba, das als die zwei zu entwickelnden dhammas übersetzt wird. Es sind samatho ca vipassana ca (Ruhe und Einsicht). Die Entwicklung wird bhavana (Kultivierung) genannt. Wir übersetzen es oft mit Meditation.
Wenn wir versuchen Anfängern das Meditieren beizubringen, ist das erste, was sie verstehen müssen, die Achtsamkeit. Erst dann können wir damit fortfahren zwischen dem Ruhe- und Einsichtsaspekt der Praxis zu differenzieren.
Achtsamkeit, um zwischen richtiger und falscher Konzentration zu unterscheiden
Es gibt klare Gründe, warum Meditationslehrer die Meditierenden unnachgiebig dazu anhalten vipassana zu praktizieren. Ob ihr samatha (Ruhe) oder vipassana (Einsicht) entwickelt, in jedem Fall braucht ihr eine sehr starke Achtsamkeitsbasis. Ohne diese kann man in falsche Konzentration versinken. Das passiert denjenigen, die reine Ruhemeditationsmethoden praktizieren häufiger, da dort der Faktor Achtsamkeit nicht so betont wird. Wenn sie z. B. versuchen das Objekt zu visualisieren, kann es sein, dass sie sich wie besessen versuchen auf das Objekt zu konzentrieren. Das Ergebnis ist oft, dass sie sehr starke migräneähnliche Kopfschmerzen bekommen. Kopfschmerzen können allerdings auch während der Vipassana-Praxis auftreten. Während längerer Retreats von einigen Wochen oder auch Monaten wird die entwickelte Konzentration sehr stark. Wenn diese nicht von Achtsamkeit begleitet ist, können migräneähnlichen Spannungen auftreten und sogar lange andauern. Dies ist in Wirklichkeit eine Form von Stress. Das kann fürchterlich werden. Deshalb müssen wir - bevor wir ernsthaft Ruhe- oder Einsichtsmeditation betreiben - eine klare Vorstellung davon haben, was Achtsamkeit ist. Nur so können wir wissen, ob unsere Praxis korrekt ausgeführt wird. Sonst entwickeln wir nur Konzentration und der Geist wird angespannter und immer gestresster. Halluzinationen können auftreten und wenn man das so weiter treibt, kann es schwierig sein dies zu korrigieren. Achtsamkeit ist ein klarer Zustand der Bewusstheit ohne Verwirrung, in dem volle Kontrolle besteht. Deshalb ist der Geist, auch wenn Schmerzen entstehen, nicht gestört. Der Geist bleibt friedlich. Wenn ihr nach der Natur des beobachteten Objektes gefragt werdet, könnt ihr eure Beobachtungen anderen klar erzählen. Achtsamkeit ist deshalb wichtig um zwischen falscher und richtiger Konzentration zu unterscheiden.
Samatha und vipassana
Da ihr jetzt versteht, dass richtige Konzentration Konzentration mit Achtsamkeit ist und falsche Konzentration Konzentration ohne Achtsamkeit, lasst uns den Unterschied zwischen samatha und vipassana herausarbeiten.
Das Wort samatha selbst heißt Ruhe und vipassana bedeutet Einsicht oder Wissen. Wenn wir uns bloß auf samatha oder vipassana beziehen, meinen wir im Allgemeinen rechte Konzentration. Gemeint ist also, dass der Faktor Einspitzigkeit des Geistes mit Achtsamkeit entsteht. Nicht mit Besessenheit, nicht mit Zorn oder mit Gier, sondern mit klarer Bewusstheit: einspitziger, klarer Bewusstheit. Wenn in einem einzigen Moment diese einspitzige Bewusstheit vorherrscht, nennen wir das samatha (Ruhe). Bei der Einsicht ist die Bewusstheit schärfer und gründlicher, sodass die Realität erfahren werden kann und man dadurch Verstehen erzielt. Ihr wisst klar, was ihr erfahrt. Ihr könnt, wenn ihr wollt, die Natur der Erfahrung erzählen.
Samatha bhavana und vipassana bhavana
Die Ausdrücke samatha bhavana (Ruheentwicklung oder Ruhemeditation), oder vipassana bhavana (Einsichtsentwicklung oder Einsichtsmeditation) beziehen sich nicht auf einen Zeitmoment. Sie beziehen sich auf eine Folge von Erfahrungen über eine Zeitperiode. Das heißt auch eine Folge von Ergebnissen. So entstehen hochentwickelte geistige Zustände. Wenn ihr samatha entwickelt, entstehen tiefe Zustände von Konzentration. Wir nennen sie Vertiefungen oder jhanas. Beim Entwickeln von vipassana entstehen tiefe Zustände von Wissen oder Verstehen. Wir nennen diese Einsichtswissen oder ñaCas. Es gibt Ähnlichkeiten bei den Erfahrungen der Entwicklung von samatha und vipassana. Trotz dieser in gewisser Weise ähnlichen Erfahrungen, ist die Beachtung der Art der Meditation, die ihr betreiben wollt, das Wichtige. Erst wenn eine der beiden Meditationsarten weiter entwickelt ist, treten die für diese Meditationsart typischen Erfahrungen öfter deutlich auf.
Wenn wir besser über Samatha- und Vipassana-Erfahrungen Bescheid wissen, können wir die Natur dieser beiden Meditationsarten verstehen und wir können auch sehen, wie weit wir bei beiden fortgeschritten sind. Das ist wichtig, da wir, wenn wir Einsicht oder Ruhe entwickeln, ein klares Bild davon haben sollten, wohin wir gehen. Sonst treten falsche Ansichten, Fehler oder unnötige Verzögerungen auf und verursachen eine Menge Leid. Es ist nicht so leicht zu erklären, auf welcher Spur ihr gerade voranschreitet, besonders wenn ihr Anfänger seid. Bei erfahrenen Meditierenden ist es leichter. Der Anfänger muss die grundlegenden Techniken verstehen. Nur wenn sie verstanden werden, dann werden auch die Prinzipien, die hinter der Praxis und den Anweisungen stehen, verstanden und man kann zuversichtlicher voranschreiten und tiefere Erfahrungen bekommen.
Das Fortschreiten bei samatha bhavana
Ich möchte hier eine detailliertere Unterscheidung zwischen samatha bhavana und vipassana bhavana machen. Das Objekt der Samatha- Meditation ist ein Konzept, eine Idee. Und die dadurch entwickelte Konzentration ist entweder Zugangs- oder Vertiefungskonzentration. Es gibt Arten der Samatha-Meditation, wo die Objekte besonders klar sind, z. B. bei den Visualisierungstechniken und den Farb-Kasinas Hier stellt man sich u.a. Licht oder Farben vor. Manchmal gehen die Leute sogar so weit, dass sie sich Buddhas, bodhissattvas oder Götter etc. vorstellen. Das sind ebenfalls, da es sich um Konzepte handelt, sehr klare Samatha- Objekte.
Wenn ihr beispielsweise versucht, in eurem Geist mit geschlossenen Augen eine Lichtscheibe zu erzeugen, wird eure mentale Kreation tatsächlich mit geschlossenen Augen so sichtbar, als wenn sie aus echtem Licht bestände - sofern eure Konzentration stark genug ist. Auch wenn ihr die Augen öffnet und ihr euch das Licht vorstellt, könnt ihr es vor euch sehen. Ihr wisst vollkommen klar, dass es eine Kreation eures Geistes ist. Dies ist ein einfach erkennbares Beispiel eines Objektes, welchselbiges ein Konzept ist. Andere Konzentrationstechniken benutzen Worte wie Mantras oder Rezitationen. Diese werden Wortkonzepte genannt. Ihr könnt darüber nachdenken, was sie für euch bedeuten, was für eine Idee und nicht welche Erfahrung sie für euch darstellen. Diese Objekte sind bloß kreiert, von euch ausgedacht. Manchmal wie eine bloße Phantasie.
Die Erzeugung dieser Samatha-Objekte beginnt mit der vorbereitenden Praxis. Nehmt z. B. das Licht-Kasina. Zuerst seht ihr mit euren Augen auf eine materielle Lichtscheibe, die ihr vor euch hingelegt habt. Dies wird das „vorbereitende Bild“ genannt. Dann schließt ihr die Augen und versucht das Licht zu visualisieren. Das ist das visualisierte Bild, das „aufgefasstes Bild“ genannt wird. Wenn man dies andauernd und mit Achtsamkeit tut, löst sich der Geist immer mehr von den anderen Objekten. Nach einiger Zeit könnt ihr nichts mehr hören. Später vergesst ihr die Form und Gestalt eures Körpers. Alles, was es gibt, ist die Lichtscheibe.
Wenn die Konzentration noch nicht so stark ist, kann die Lichtscheibe hin und her schwanken. Es können gewisse Bilder in ihr auftauchen. Das bedeutet, dass - obwohl ihr denkt, dass ihr nicht denkt - der Geist immer noch flackert und schwankt. Es gibt dann einen Punkt, wo die Lichtscheibe vollkommen rein und das Licht sehr hell ist. Alles andere ist vergessen, der Körper, die Geräusche, wo ihr seid und wer ihr seid. Ihr wisst nur, dass der Geist sich auf das Licht konzentriert, einspitzig und über nichts anderes nachdenkend. Es gibt unter Umständen eine Menge Freude, eine Menge an Licht aber sonst nichts. Diese Stufe wird upacara samadhi (Zugangskonzentration) genannt.
Diese Stufe ist sehr nahe der Vertiefung. Der Geist ist sehr klar und das Licht ist sehr hell und durchsichtig wie Glas. Als wenn der Geist Licht wäre und das Licht Geist. Das ist auch tatsächlich so, da das Licht eine Geistkreation ist. Dies wird das „Gegenbild“ patibhaga nimitta genannt. Es tritt ebenfalls auf, wenn Leute Götter oder Ähnliches visualisieren. Das Bild wird glasähnlich. Auch wenn sie Buddha visualisieren, wird dieser transparent. Wegen der starken Konzentration ist der Geist so, als wenn er „Buddha“ wäre und „Buddha“ ist so, als wäre er der Geist. Dies ist ein sehr reiner Geisteszustand. Das kann so weit gehen, dass ihr fühlt, dass euer Körper im Buddhabild ist. Dann vertieft sich der Geist darin, der Geist sinkt in das nimitta (Bild/Zeichen). Durch das Studium des abhidhamma könnt ihr verstehen, dass es sich dabei um vertiefte Konzentration, die appana samadhi genannt wird, handelt. Das bedeutet, dass der Geist mit dem Objekt vereinigt ist. In dieser Zeit treten keinerlei andere Geistprozesse auf. Das heißt, dass ihr zu dieser Zeit wie ganz eingeschlafen seid. Ihr sinkt in ein Stadium, in dem ihr nichts zur Kenntnis nehmt und wisst. Aber wenn ihr aus dieser Konzentration wieder auftaucht, wisst ihr, dass euer Geist während der Vertiefung sehr klar und die ganze Zeit vereint mit dem Objekt der Konzentration, der Lichtscheibe war.
In der Samatha-Meditation wird der Geist immer ruhiger, sorgloser und friedlicher und die Befleckungen entfernen sich immer mehr. Diese hochentwickelten Zustände beim samatha sind so etwas wie ein Halbschlaf und zugleich Zustände, die tiefer sind als der Schlaf, nämlich mit dem Unterschied, dass ihr wisst, dass ihr nicht schlaft.
Nehmen wir mal an, euer Geist ist in einer Morgenmeditation sehr ruhig und friedvoll. Ihr könnt zwar dem „Heben“ und „Senken“ der Bauchdecke für ein oder zwei Stunden problemlos folgen, aber ihr könnt das „Heben“ und „Senken“ nicht klar von Moment zu Moment beschreiben. Alles, was ihr sagen könnt, ist: „Ich hatte eine sehr ruhige und friedvolle Meditation. Der Bauch ging nur auf und ab, sehr weich und sehr langsam. Es war eine wundervolle Sitzung.“ Dann kann es passieren, dass ihr daran anhaftet und dasselbe wieder erleben wollt. Wenn ihr nun keine gute Konzentration erlangt, beschwert ihr euch: „Die Meditation ist jetzt schwierig, schrecklich und ich habe viel Schmerzen.“ Meine Antwort dazu ist: „Das ist ja prima.“ Ihr fragt euch: „Warum sagt er denn das?“ Ich sage das um euch zu ermutigen! Wenn jemand anfängt vipassana zu üben und sich dabei ruhig und friedvoll fühlt, kann das ein schlechtes Zeichen sein, denn so entsteht eventuell Anhaftung.
Einige glauben durch ihre friedvolle Erfahrung auch, dass sie das sankharupekkha ñaCa erreicht haben, die Erkenntnis des Gleichmutes hinsichtlich der Gestaltungen, also das Wissen kurz vor magga-phala der Erleuchtung. Aber sie können es nicht so gut wie ihre vorherigen Einsichtswissen beschreiben. Das ist das Feststecken in der Konzentration. Deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein, wie wir mit unserer Praxis fortfahren.
Anapanasati
Gewisse Objekte können für die Vipassana- oder für die Samatha- Meditation benutzt werden. Eines davon ist das Anapana-Objekt. Das Beobachten der Einatmung an der Nasenspitze. Oft fragt man mich, ob die Konzentration an der Nasenspitze (anapana) ein Samatha- oder ein Vipassana-Objekt ist. Es kann beides sein, da die Art des Objektes von der Natur eurer Aufmerksamkeit abhängt. Am Anfang, wenn ihr das vorbereitende Objekt/Bild benutzt, kann es Samatha- oder Vipassana-Objekt sein. Es ist gemischt. Wenn ihr anfangt den Atem zu zählen, tendiert es eher in Richtung Samatha-Objekt. Aber dabei ist auch noch die gefühlte Empfindung des Atems.
Vipassana-Objekte sind anders als Samatha-Objekte. Es sind Realitäten. Sie werden nicht durch den Geist erzeugt, das heißt, ihr versucht sie euch nicht vorzustellen. Sie geschehen als natürliche Vorgänge, als mentale und materielle Prozesse. Wenn ihr diese Prozesse immer klarer erfahrt, werden natürlich auch die drei Daseinsmerkmale (anicca, dukkha und anatta) klarer. Diese Merkmale sind tiefe Aspekte der mentalen und materiellen Prozesse.
Wenn ihr Konzentration auf den Atem an der Nasenspitze „anapana sati“ betreibt und diese mentalen und materiellen Prozesse nicht klar erkennt, die häufig als Empfindungen erfahren werden, dann kann sich aus diesem Grunde auch das Vipassana-Objekt nicht richtig entwickeln. Ich habe das bei einer großen Anzahl von Yogis bemerkt. Der Geist ist in Richtung samatha geneigt. Warum? Erstens, weil die meisten Menschen nicht verstehen, was vipassana ist. Und zweitens, weil vipassana schwieriger, schmerzhafter und unruhiger ist. Deshalb neigt sich der Geist ganz natürlich dahin, wo es ruhig und friedlich ist und auch dazu, was Leute normalerweise unter Meditation verstehen, nämlich Konzentration. Sie glauben, wenn sie den Geist auf ein Objekt für lange Zeit konzentrieren können, dass sie gute Arbeit geleistet hätten. Wenn ihr so fortfahrt, ist das Atemobjekt sowohl weich als auch angenehm und deshalb neigt sich der Geist Richtung samatha.
Ich möchte damit nicht sagen, dass samatha schlecht ist. Samatha ist gut, wenn man es beherrscht. Es ist nur so, dass ihr fähig sein müsst, beides klar zu unterscheiden, wenn ihr Einsichtswissen bekommen wollt.
Der Fortschritt des Anapana-Objektes
Wenn die Meditation auf anapana fortschreitet, wird eine der beiden Praktiken klarer und vorherrschender. Manchmal treten abwechselnd beide Praktiken auf. Das hängt von den individuellen Tendenzen des Geistes ab. Aber wie schon gesagt wurde, hängen die Leute gewöhnlich an samatha. Deswegen beschreiben wir hier die Anapana-Entwicklung als Samatha- Objekt. Man beginnt normalerweise, indem man die Ein- und Ausatmung als Eins-eins, zwei-zwei, drei-drei etc. oder auch in irgendeiner anderen Weise zählt. Wenn der Geist einspitzig wird, vergesst ihr die Form eures Körpers, vergesst wer ihr seid und nur die Empfindung, der Punkt des Atems wird klarer und klarer.
Der Geist entwickelt wegen der Neigung in Richtung Frieden und Einspitzigkeit das Samatha-Objekt, ein konzeptionalisiertes Objekt, das ein entwickeltes Geistobjekt, ein nimitta oder eine geistige Erfahrung ist. Einige erfahren es als Baumwolle, andere als sehr weiche Feder oder als Wind, der in diese oder jene Richtung bläst. Wieder andere erfahren es als ein sehr weiches, weißes und funkelndes Licht etc. Dies alles sind konzeptualisierte Bilder des Atems.
Am Anfang kann sich das Objekt noch bewegen oder pulsieren und das wird dann oft - da es sich bewegt - als Vipassana-Objekt missgedeutet. Aber in diesem Fall ist es kein Vipassana-Objekt. Auch das Samatha- Objekt bewegt und verändert sich in seinen anfänglichen Stadien. Aber nicht so wie ein Vipassana-Objekt, das sich von Moment zu Moment ändert. Wenn man weiter in der Konzentration fortschreitet, wird das Objekt immer ruhiger und immer feiner, bis es sich nicht länger bewegt. An diesem Punkt ist das geistige Bild extrem rein und Vertiefung kann sich ereignen. Der Geist versinkt dann in dem Objekt und wird eins mit ihm. Weil der Faktor Konzentration dominanter und hervorstechender ist, ist es für den Meditierenden bei seinen ersten Vertiefungen nicht so klar, was passiert ist. Dies gilt speziell für Leute, die schnellen Fortschritt machen. Aber sobald sie eine gewisse Meisterschaft über die Konzentration haben, wird der Fortschritt des Samatha-Objektes sehr klar. Jemand der die jhanas häufig übt, sollte die Entwicklung des Samatha-Objektes sehr klar beschreiben können. Also wie der Atem das samatha nimitta, das Zeichen der Konzentration, formt und wie es bis kurz vor der Vertiefung immer feiner wird.
Aus solchen Beschreibungen kann man beurteilen, ob sich jemand in tiefer Konzentration befunden hat oder nicht. Wenn jemand das nicht klar beschreiben kann, könnte er einfach nur eine Art friedvollen Zustand erfahren haben, eine Art friedvoller Konzentration oder auch Schlaf. Wenn jemand z. B. auf das Ein- und Ausatmen meditiert, ein...aus, ein...aus und plötzlich weiß er nicht mehr wo er war, dann aufwacht und denkt „Oh, wie war das wundervoll und friedlich.“ Aber es war wahrscheinlich nur tiefer Schlaf. Oder er hat vielleicht Freude entwickelt, die ihn überwältigte und verschluckte. In diesem Fall kann er das Objekt und den Fortschritt des Objektes nicht klar erkennen und beschreiben.
Man kann dies oft unter Vipassana-Meditierenden beobachten, da sie manchmal Tendenzen zu jhana, Konzentration haben. Es gab einen Fall, bei dem ein Yogi eine starke Lichterscheinung hatte, als er richtig und gut vipassana praktizierte. Da er vipassana praktizierte, ermutigten wir ihn nicht auf dem Licht zu verweilen, sondern er musste „Sehen, Sehen, Licht, Licht“ notieren und wenn es stärker würde, sollte er die Augen öffnen. Trotzdem entwickelte sich das Licht weiter zusammen mit dem Vipassana- Objekt und ging nicht weg. Er beschrieb es einmal so: „Dieses Licht erscheint und wird sehr fein wie ein rundes Netz, wie ein Spinnennetz, aber es ist ganz aus Licht und sehr klar. Danach scheint der Geist wie eine Fliege, die mit fantastischer Geschwindigkeit in das Zentrum dieses Lichtnetzes fliegt. Und wenn ich in diesem Netz bin, hüllt es sich vollkommen um meinen Geist und ich betrete dann einen völlig unbewussten Zustand.“ Wenn er dann herauskam, war er sehr friedvoll.
So eine Beschreibung ist ein klarer Fortschritt des Objektes durch die Entwicklung von Konzentration. Wenn ihr schlicht sagt, dass der Geist sehr ruhig und klar in tiefer Konzentration wird, dann ist das nur eine sehr allgemeine Beschreibung von dem was passieren kann. Nur wenn ihr diesen Prozess selber erfahrt, könnt ihr genau die Art und Weise dieser Ruhe und Klarheit beschreiben. Und an solchen Beschreibungen können wir erkennen, ob es tatsächlich tiefe Konzentration oder eben nur Einbildung ist. Ob das Samatha-Objekt Liebende Güte ist (Metta, eine der Praktiken der brahma viharas) oder anapana oder Visualisierung - für alle gibt es einen ähnlichen, allgemeinen Fortschritt, der einzigartig zu samatha bhavana gehört.
Der Fortschritt des Vipassana-Objektes
Der Fortschritt des Vipassana-Objektes ist völlig anders. Da es sich am Anfang nicht schnell entwickelt, macht man zuerst Erfahrung mit Konzentration. Aus diesem Grunde sind die Erfahrungen in der anfänglichen Entwicklung ähnlich derer in der Samatha-Meditation. Die Yogis werden aber gerade deshalb besonders am Anfang darauf hingewiesen in Vipassana-Art zu meditieren und sich nicht auf ein einziges Objekt, sondern besser auf den erfahrenen Prozess ohne visualisierte Form zu konzentrieren.
Aber auch dann kann es passieren, dass man anfängt zu visualisieren, wenn man z. B. „Sitzen-Berühren, Sitzen-Berühren“ notiert. Man fängt dann an den Körper zu visualisieren. Man kann sich dann selber sitzen sehen. Das hat nichts mit vipassana zu tun, sondern ist ein Visualisierungsprozess. Einige beobachten, wie ihr Bauch auf und ab geht und dann schließlich nimmt der Bauch Form an. Sie sehen z. B. eine lange Linie, die auf und nieder geht. Manchmal ist es auch wie ein runder Ball. Nach einer Weile bekommt der Ball sogar Farben. Hier kommt dann der Punkt, wo die Leute an den Konzepten anhaften können und damit enden in so etwas Ähnlichem wie Samatha-Meditation.
Auch bei der Gehmeditation legen die Leute oft so viel Aufmerksamkeit auf die Zehen, die Fersen, die Knie, dass sie dazu tendieren die Form ihrer Beine zu visualisieren. Das ist kein vipassana. Vipassana ist die reine Erfahrung der Körper-Geist-Prozesse. Wenn ihr z. B. „Sitzen-Berühren“ notiert, dann stellt euch nicht die Form eures Körpers, eurer Hände, Beine oder eures Kopfes vor, sondern fühlt die Empfindungen, die diese Sitzhaltung ausmachen. Ihr sollt nur die reinen Empfindungen erfahren. „Berühren“ beinhaltet die Empfindungen, die auf der Oberfläche des Körpers entstehen. Die am meisten hervorstechenden Empfindungen sind die des Hinterns oder auch die Punkte, wo die Beine den Boden berühren. „Sitzen“ beinhaltet mehr die inneren Spannungen, also die auffälligen Spannungen im Rückgrat, der Taille, den Schultern, die den Körper in der aufrechten Position halten. Es ist eine Art der Starrheit. Manche Leute empfinden es so, als wenn eine Kraft vom Rücken her drückt. Wenn man tiefer in das „Sitzen-Berühren“ hineingeht, kann man nicht länger zwischen der externen Oberfläche und den inneren Empfindungen oder Spannungen unterscheiden, da man nur noch Empfindungen fühlt und „innen“ und „außen“ reine Konzepte sind. Reine Empfindungen ohne Form bleiben zuletzt übrig.
Nun erfahren und verstehen wir das Objekt als reines paramatha dhamma, die letztendliche Realität. Diese Objekte entstehen von Moment zu Moment und unterscheiden sich vom Samatha-Objekt. Das heißt, dass der eine Moment so ist und sich im nächsten Moment alles geändert hat und der darauf folgende Moment ist wieder total anders. Mit anderen Worten ist es ein Prozess, ein Fluss, etwas, das erscheint und wieder verschwindet. Nun werden die drei Daseinsmerkmale offenbar und auch starker Schmerz kann entstehen. Deshalb entwickelt sich die Konzentration bei vipassana bhavana, der Einsichtsmeditation, nicht so schnell. Das Objekt ändert sich ständig und man hat häufig Schmerzen. Aber es bleibt uns nichts übrig, wir müssen diese Konzentrationsart entwickeln, da sie einzigartig für die Einsichtsmeditation ist. Diese Art von Konzentration kann nicht durch Samatha-Meditation erreicht werden.
Ihr müsst verstehen, dass die später entstehenden Einsichtswissen Bestandteil dieser Bewusstseinsart mit seiner speziellen Konzentration sind. Darum wird einigen Leuten, die schon vorher Samatha-Meditation gemacht haben, von ihrem Meditationslehrer gesagt, dass sie die Samatha-Praxis für die Zeit des Retreats vollkommen beiseite legen sollen. Das ist kein Vorurteil gegen samatha bhavana. Man sagt es, damit sie die einzigartige Vipassana-Konzentration erlernen können.
Wenn jemand, der schon viel anapana gemacht hat, gesagt bekommt, er solle das „Heben und Senken“ der Bauchdecke beobachten, dann mag er das normalerweise nicht. Das liegt daran, dass das „Heben und Senken“ relativ grob ist und man manchmal nur ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend beobachtet. Ab und zu sind nur Spannungen im Bauch und es gibt hier und dort ein paar Schmerzen. Und dann, da der Geist jetzt die Konzentration nicht mehr halten kann, fängt er an zu denken. Deshalb mögen diese Meditierenden das nicht. Sie sagen „Ich mache Rückschritte. Meine Meditation wird schlechter. Vipassana ist nichts für mich.“ Schliesslich machen sie wieder Samatha-Meditation und sagen, dass es so schön und friedlich ist. Deshalb kann Einsicht bei ihnen weder entstehen noch fortschreiten.
Der Geist muss gezwungen werden in den Geist-Körper-Prozess hineinzuschauen. Wenn Schmerz entsteht, müsst ihr den Schmerz beobachten. Es gibt kein vipassana ohne Schmerz. Zu Buddhas Zeiten allerdings machten eine Menge von Leuten Samatha-Meditation und danach erreichten sie schnell magga phala. Dafür gibt es viele Beispiele in den Schriften. Das passiert gewiss nicht bei jedem so einfach. Normalerweise muss man zuerst diese einzigartige Vipassana-Konzentration entwickeln. Darum müsst ihr den Schmerz, wenn er entsteht, beobachten. Nur so lernt ihr die Natur dieser Geist-Körper-Prozesse kennen.
Der Geist muss klar und offen sein ohne irgendwelche Konzepte. Der Geist muss so schnell und klar werden, dass er jedes Phänomen einfangen kann. Diese Fähigkeit entsteht nicht aus dem Nichts durch bloßes Wollen. Sie muss entwickelt werden. Das ist wie beim Squash spielen. Squash ist ein sehr schnelles Spiel. Ihr schlagt den Ball und bevor ihr es erahnt, kommt er zu euch zurück. Ihr könnt euch dabei sogar verletzen. Anfänger wissen nicht, wohin der Ball geht. Ihr müsst dazu die entsprechenden Fähigkeiten entwickeln. Ähnlich ist es mit dem Vipassana-Objekt. Es verändert sich sehr schnell. Die Achtsamkeit muss auf eine Stufe entwickelt werden, wo sie sehr schnell, flexibel und klar ist, bevor man mit all den erscheinenden und verschwindenden Objekten mithalten kann. Ihr müsst so viele verschiedene Objekte beobachten. Das „Heben und Senken“ der Bauchdecke, den Schmerz, dann Denken, dann dies, dann jenes etc. Manchmal gibt es eine Menge Leid. Einige bezeichnen vipassana als „Leidensmeditation“ und finden es sehr schwer sie zu praktizieren.
Aber wenn ihr durch all diese Erfahrungen hindurchgegangen seid, wird der Geist sehr ruhig und ist in der Lage den Objekten von Moment zu Moment zu folgen. Ihr erfahrt dann, wie der Geist in die Objekte hineingeht, in das „Heben und Senken“, den Schmerz etc. und wie er all die verschiedenen Empfindungen beobachtet. Die Empfindungen können sehr klar und intensiv sein, aber der Geist bleibt ruhig. Wenn ihr immer so weiter beobachtet, werden auch die drei Daseinsmerkmale klarer. Die verschiedenen Stufen des Einsichtswissen sind nichts anderes als immer klarer werdende Erfahrung bezüglich der Natur der Realität, der Natur des Geist- Körper-Prozesses, der Natur von anicca, dukkha und anatta.
Wenn man im Einsichtswissen fortschreitet, schreitet auch die Vipassana-Konzentration voran. Wenn erst einmal so ein Stadium erreicht ist, geht der Geist normalerweise nicht mehr so leicht zur Samatha- Meditation. Es sei denn man hat starke Tendenzen dazu. Aber auch dann, wenn z. B. Licht erscheint und ihr es notiert, geht es schnell wieder weg. Mit dem Erscheinen von sehr klarem Einsichtswissen, wisst ihr, dass der Geist sich hinsichtlich vipassana entwickelt. Wenn keine klare Einsicht entsteht, schreitet auch der Geist nicht mit vipassana voran. Er lungert nur herum und geht hierhin und dorthin.
In dieser Welt findet ihr mehr Samatha-Praktiken und Erfahrungen. Vipassana-Erfahrungen sind nicht so üblich. Ein Beispiel ist das erste Einsichtswissen, die Unterscheidung von Körper und Geist. Dieses Wissen kann sehr klar während der Gehmeditation entstehen, wo es meist offensichtlicher als in der Sitzmeditation ist. Beim ersten Einsichtswissen ist die Achtsamkeit von Anfängern noch nicht so scharf. Da Anfänger die Ruhe mögen, tendieren sie während des Sitzens eher zur Konzentration. Bei der Gehmeditation ist es ein klarer geistiger Moment-Zu-Moment-Prozess, der das Sehen und die erfahrenen Empfindungen während des Gehprozesses notiert. Wenn eine Absicht entsteht, wird auch sie notiert. Auf diese Weise wird der Geist- und Körperprozess klar mit scharfer Achtsamkeit unterschieden und das entsprechende Einsichtswissen entsteht. Dann weiß man durch Erfahrung, dass es so ein Einsichtswissen, so eine Erfahrung gibt. Basierend auf diesem ersten Wissen entstehen all die anderen Einsichtswissen.
Einige Meditierende behaupten „Oh wir sind sehr schnell durch alle Einsichtswissen gegangen und endeten mit den letzten paar.“ Ich sage „Ihr träumt!“ Wenn ich solche Bemerkungen höre, frage ich jene oft, was Achtsamkeit sei. Manchmal ist ihnen nicht einmal klar, was Achtsamkeit ist. Ihre Achtsamkeit und Konzentration ist unscharf. Auf welche Weise können sie dann so weit in vipassana gekommen sein? Es ist so, als wenn jemand mit schlechter Grammatik behauptet ein Englisch-Professor zu sein. Er sollte nicht erwarten, dass ich das glaube. Die Achtsamkeit, die mit Einsichtswissen einhergeht, muss sehr scharf, sehr klar und sehr gründlich sein. Nur dann können wir sicher wissen, dass sich jemand zur Vipassana- Richtung hin entwickelt.
Eines der wichtigsten Dinge, die man wissen muss ist:
Seid nicht an ein oder zwei ungewöhnlichen Erfahrungen interessiert. Zuerst müsst ihr sowieso immer eine feste Basis der Achtsamkeit und Konzentration erreichen.
Zusammenfassung
Hier ist eine kurze Zusammenfassung dessen, was wir besprochen haben: Ob wir vipassana um Einsicht zu erlangen oder samatha um Ruhe zu erlangen praktizieren:
Wir müssen sicherstellen, dass wir es Schritt für Schritt richtig machen. Und dafür müssen wir gewöhnlich an intensiven Retreats teilnehmen.
Im Fall von samatha, erinnert euch, dass wir es stark genug entwickeln müssen, damit es als Grundlage für Einsicht dienen kann. Das bedeutet, dass die Konzentration stark und scharf und leicht erreichbar sein muss, bevor wir auf vipassana umschalten können. Sonst kann sie nicht diesem Zweck dienen. Es dauert eine Zeit lang, bevor die Konzentration einen solchen Grad erreicht.
Schließlich müssen wir zu vipassana, Einsichtsmeditation umschalten. Wenn wir das tun, müssen wir die Samatha-Praxis einige Zeit komplett verwerfen um uns selbst voll der Vipassana-Praxis zu widmen. Sonst geht der Geist automatisch zur Konzentrationsübung zurück. Während der Vipassana-Konzentration müssen wir viel Schmerzen und Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen und ihnen gegenübertreten.
Es gibt Personen mit gewissen starken geistigen Befleckungen, die zuerst etwas Samatha-Meditation machen sollten, bevor vipassana effektiv werden kann. Aus meiner Erfahrung gibt es aber nicht viele malaiische Yogis, die das benötigen.
Auch sollten wir die vorbereitenden Konzentrationsmeditationen, die vier Schutzmeditationen, nicht unterschätzen:
Zwei Minuten Betrachtung der Vorzüge des Buddha, zwei Minuten Liebende-Güte, zwei Minuten Betrachtung der Widerlichkeit des Körpers und zwei Minuten Betrachtung des Todes. Wenn wir diese Betrachtungen die ersten zehn oder 20 Minuten am Anfang der täglichen Praxis bedenken, gewöhnen wir uns daran und das kann unserer Praxis sehr helfen, vor allem im täglichen Leben.
Während Zeiten intensiver Praxis sind die vorbereitenden Konzentrationsmeditationen nicht so relevant, da die erreichte Konzentration bei der reinen Einsichtspraxis während eines Retreats sowieso schon sehr stark ist. Wenn ihr euch diesen vorbereitenden Praktiken zuwendet, werdet ihr in diesem Fall eher eine schlechtere Konzentration haben. Aber im Alltag, wenn der Geist extrem unruhig ist, sind diese Schutzmeditationen in einem gewissen Maß wichtig zur Aufrechterhaltung der Praxis.