6. Achtsamkeit auf das Bewusstsein & auf die Geistobjekte (cittanupassanā & dhammanupassanā)
Der dritte Pfeiler der Achtsamkeit ist Achtsamkeit auf das Bewusstsein oder den Geist. Wir werden hier nicht zwischen dem, was wir Geist nennen und den geistigen Zuständen unterscheiden.
Es gibt einen vierten Pfeiler der Achtsamkeit und zwar Achtsamkeit auf die dhamma, was meist mit Geistobjekten übersetzt wird. Dieser vierte Pfeiler der Achtsamkeit ist allgemeiner und hat zwei Interpretationen. Eine Interpretation ist, dass dhamma hier gewisse Aspekte der Lehre bedeutet, durch die mittels Kontemplation Einsicht, das heißt vipassanā entsteht. Die andere Bedeutung ist, wie schon oben genannt, Geistobjekte. Man kann es auch als Erscheinung interpretieren, da alle Erscheinungen Objekte des Geistes sein können. Das Feld der Geistobjekte ist sehr weit. Es erstreckt sich jenseits der anderen drei Arten von Objekten. Als Anfänger werden wir nicht so viel mit ihnen zu tun haben. Wir werden hauptsächlich den Geist selbst behandeln. Eingeschlossen sind geistige Zustände, die oft auch unter dhamma oder Geistobjekte klassifiziert werden.
Was meinen wir, wenn wir „Geist“ (citta) sagen? Citta wird oft als Bewusstsein übersetzt. Dasjenige, was weiß oder das um ein Objekt weiß, sich des Objektes bewusst ist. Wenn ihr etwas wisst, sagt ihr normalerweise, „wir wissen“. Hier ist nicht das „wir wissen“ gemeint. Es ist das Bewusstsein, der Geist, der weiß. Bewusstsein ist so definiert, dass es die Eigenart des Wissens besitzt. Wenn wir hier „Geist“ sagen ist es gleichbedeutend mit Bewusstsein.
Am Anfang unserer Praxis sind wir uns der geistigen Zustände noch nicht so bewusst. Wir sind mehr damit beschäftigt den Geist auf das „Heben“ und „Senken“, und das „Sitzen“ und „Berühren“ etc. zu halten. Durch diese Praxis jedoch wird uns der Geist sehr bewusst. Und zwar deshalb, weil wir versuchen ihn zu kontrollieren. Vorher waren wir gewohnt, ihn gewähren zu lassen. Wir wussten eventuell vom Vorhandensein eines Geistes, aber wir schauten nicht richtig darauf. Jetzt versuchen wir den Geist zu kontrollieren. Wir müssen uns deshalb mit ihm beschäftigen.
Die Hemmungen
Die erste Stufe des Trainings von cittanupassanā satipatthāna ist Achtsamkeit auf die geistigen Hemmungen, wie z. B. Müdigkeit und Nervosität. Cittanupassanā, Achtsamkeit auf das Bewusstsein heißt, dass wir achtsam das Bewusstsein oder den geistigen Zustand betrachten müssen. Das Bewusstsein selbst ist das klar und achtsam zu betrachtende Objekt. Wir müssen nicht nur achtsam wissen, dass es anwesend ist, sondern in der Lage sein es nahe zu beobachten. So als wenn wir ein Gesicht von Nahem beobachten um es gut beschreiben zu können. Das heißt, wenn ihr auf euer Bewusstsein schaut und etwas wie Mattigkeit, Müdigkeit oder Unruhe erkennt, müsst ihr fähig sein es klar in euren eigenen Worten zu beschreiben. Klarer für den Anfänger sind die gröberen Erscheinungen wie beispielsweise Zorn oder Hass. Zorn ist in der Tat die gröbste Art der Befleckung. Wenn ihr ärgerlich seid, wie ist dann euer geistiger Zustand, wie ist euer Bewusstsein? Wenn ihr versucht achtsam in den Geist zu schauen, wenn er ärgerlich ist, merkt ihr, dass der Geist in einem sehr verwirrten Zustand ist. Er brennt. Der abhidhamma beschreibt diesen Zustand als gewalt- tätig und zerstörerisch. Er ist wie ein Wirbelwind oder eine Explosion. Er ist sehr grausam und schädigenwollend. All dies sind Möglichkeiten, den Zorn und das zornige Bewusstsein zu beschreiben.
Wenn ihr z. B. meditiert und jemand Krach macht, könntet ihr dadurch gestört werden und aus der Konzentration kommen, auch Ärger könnte entstehen. Wenn Ärger entsteht, dann sagt nicht nur „Ärger, Ärger..“, sondern beobachtet den gestörten und aufgewühlten Zustand des Geistes, den wütenden Zustand des Geistes. Wenn ihr ihn beobachtet, werdet ihr feststellen, wie schrecklich er ist.
Manchmal ist die unheilsame Wurzel des Begehrens problematischer. Wenn Begehren entsteht, müssen wir es auch notieren und den Zustand des Bewusstseins beobachten. Wenn ihr z. B. sehr gutes Essen esst und denkt „Oh, das ist so lecker“, bemerkt ihr, dass da Freude ist. Was jetzt geschieht ist, dass die Freude alles maskiert und versteckt. Das Begehren des Essens ist das eine, die Freude darüber das andere. Es sind zwei verschiedene Dinge. Eines ist das Bewusstsein der Freude und das andere ist der Geist, der mit dem Begehren entsteht. Wenn Menschen essen, bringt ihnen der Geschmack normalerweise Freude. Sie sind so bezaubert von der Freude, dass sie den tatsächlichen Zustand des Geistes nicht sehen können. Wenn ihr in das Bewusstsein eines solchen Geistes richtig hineinschauen könntet, wäre dort außerdem Begehren und ihr würdet merken, dass dieser Geist letztendlich doch nicht so wundervoll ist.
Ein gutes Bild des Begehrens kann man sich bei einem Drogensüchtigen oder Nikotinabhängigen machen, wenn seine Droge nicht erhältlich ist. Wenn ihr euch diesen geistigen Zustand richtig anseht, könnt ihr erfassen, wie schrecklich er ist. Wenn bei euch Begehren entsteht, schaut auf die Natur des Begehrens. Es ist ein Zustand des Wollens, Haftens etc. Solches Begehren und solch ein Ärger entstehe sehr oft. Erst, wenn ihr es jederzeit einfangen und austreiben könnt, wird es euch nicht mehr stören. Mattigkeit und Müdigkeit ist am Anfang ein wenig schwerer zu erkennen, da es feiner ist. Eine interessante Meinung im abhidhamma ist, das einer dieser beiden Faktoren als Schwerfälligkeit des Bewusstseins (citta) und der andere als Schwerfälligkeit der Bewusstseinsbegleitfaktoren oder geistigen Zustände (cetasika) interpretiert wird. Beide kommen in einem Bewusstseinsmoment zusammen vor.
Was ist nun der Unterschied? Wenn man sagt, dass das Bewusstsein schwerfällig ist, bedeutet das, dass das Wissen oder Erkennen selbst verschwommen ist. Es ist eine Hemmung beim Erkennen. So als ob sich das Bewusstsein vom Objekt zurückzieht. Es ist wie am frühen Morgen, wenn ihr noch sehr schläfrig seid und versucht das „Heben“ und „Senken“ zu beobachten, aber ihr nichts erkennen könnt. Es ist nur verschwommen und neblig. Egal wie stark ihr es versucht, es macht keinen Unterschied. Zum Schluss bricht Dunkelheit herein und ihr schlaft ein. Im Falle der Bewusstseinsbegleitfaktoren ist das Notieren selbst schwierig. Die Bewusstseinsbegleitfaktoren bedeuten Aktivität und die Aktivität ist verlangsamt, schwerfällig, steif und hart. Wenn ihr mit dieser Hemmung notiert, ist das Notieren sehr langsam und schwierig, bis ihr schließlich den Geist und die mentalen Zustände oder Bewusstseinsbegleitfaktoren als dunkle Wolken, die zusammenbrechen, seht.
In der tatsächlichen Praxis unterscheiden wir natürlich nicht intellektuell zwischen Geist und geistigen Zuständen. Wenn wir müde sind, notieren wir „Müde, Müde...“ Manchmal beobachtet ihr das Bewusstsein und manchmal beobachtet ihr den geistigen Zustand. Wichtig ist, dass ihr eine klare Wahrnehmung der entstehenden Hemmungen und Befleckungen habt. Wenn ihr das habt, könnt ihr sie auch austreiben. Wenn die leichteste Form von Mattigkeit auftaucht, könnt ihr sie abfangen. Wenn die leichteste Form von Begehren entsteht, könnt ihr sie abfangen. Das Gleiche gilt auch für Zorn. Dies ist etwas, was gelernt werden muss, es ist nicht etwas, was ihr von selbst verstehen könnt. Es ist etwas, was ihr durch Erfahrung verstehen lernt. Und ihr lernt es am schnellsten, wenn ihr dazu fähig seid, einen klaren, ruhigen und neutralen Zustand der Bewusstheit aufrechterhalten zu können und diesen mit einem Zustand, der mit Befleckungen verbunden ist, vergleicht.
Was ist der Unterschied zwischen einem klaren und einem unklaren Geist?
Wenn ihr achtsam seid, ist der Geist sehr ruhig, friedvoll und klar. Er ist sehr stabil und bewusst, und wenn ein Moment einer kleinen Störung kommt, wisst ihr es. Wie ist nun der Geist, wenn er verwirrt ist? Möglicherweise zittert er. Gewiss ist er nicht länger ruhig und stabil. Wenn Ärger entsteht fängt der Geist an, gewalttätig zu werden. Wenn Mattigkeit und Müdigkeit entstehen, wird der Geist dunkel, verschwommen und schwer. Wenn Begehren entsteht, erkennt ihr eine Form der Anhaftung, die nach irgendetwas bettelt. Wenn der Geist einfach nur trübe ist, kann es pure Unwissenheit oder Wahn sein.
Wenn ihr anfangt das Beobachten des Geistes zu trainieren, werdet ihr lernen in den Geist hineinzuschauen. Es ist eine andere Welt. Ihr könnt es „Geistschaft“ statt Landschaft nennen. Es gibt tiefe Täler und hohe Berge. Es gibt dunkle Wolken und klare Himmel. In der Meditation müsst ihr immer tiefer in diese Zustände hineingehen, sie gut kennen und familiär mit ihnen werden. Anfangs kommen solche Zustände wie Mattigkeit und Müdigkeit oft vor.
Die Sinne
Ein anderer wichtiger Aspekt des Bewusstseins, mit dem der Anfänger zu tun hat, sind die sechs Sinne, das heißt Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Berühren und Wissen. Wenn Menschen sehen, sagen sie gewöhnlich, „Ich sehe“, aber hier, gemäß des dhamma, seid nicht ihr es, die seht - die Person selbst ist nur ein Konzept - sondern es ist das Sehbewusstsein, eine gewisse Bewusstseinsart, das sieht. Es ist das Wissen, das über ein Sehobjekt erfahren wird, also Farbe und Helligkeit. Das Gleiche gilt für das Hören. Das Hörbewusstsein weiß um das Geräusch. Das Geruchsbewusstsein weiß um den Geruch. Das Schmeckbewusstsein weiß um den Geschmack und das Geistbewusstsein weiß um die Geistobjekte.
Manchmal gibt es Momente, wo wir „Sehen“, „Hören“, „Riechen“, „Tasten“ oder „Berühren“ notieren müssen. Bei der Gehmeditation z. B. ist es ein wichtiger Aspekt, das „Sehen“ zu notieren. Wenn ihr das „Sehen“ nicht notiert, fängt gewöhnlich das Denken über das Gesehene an, und wenn ihr über das Gesehene nachdenkt, seid ihr nicht länger beim Meditationsobjekt. Wenn ihr nicht achtsam seid, können so die Befleckungen Gier und Ärger entstehen. Diese Kunst muss erlernt werden.
Sie wird das „Zügeln der Sinnestore“ genannt. Ihr verhindert so das Aufsteigen der Befleckungen. Denn wenn ihr „Sehen“ nicht notiert, fangt ihr an darüber nachzudenken. Auf einer späteren Stufe notieren wir nur den Prozess. Es gibt nur den Sehprozess des Sehens, welcher das Sehobjekt bemerkt. Dies kann aber nur passieren, wenn ihr nicht an der Idee hängt, dass „Ich“ gerade sehe. Es wird für euch einfacher verständlich, wenn ihr die natürlichen Erscheinungen so sehen könnt, wie sie wirklich sind (wir werden das später noch ausführlich besprechen).
Das Gleiche gilt für das Hören. Gespräche oder Geräusche könnten euch stören. Dann notiert „Hören, Hören... Hören“, damit ihr nicht über das Geräusch nachdenkt.
Von den fünf Sinnen spielen Sehen und Hören die Hauptrolle. Riechen spielt eine untergeordnete Rolle und das Schmecken nur, wenn wir essen. Die Berührung ist natürlich auch oft unser Meditationsobjekt. Das Sehen spielt eine sehr große Rolle während der Gehmeditation und wenn ihr es sofort richtig notiert, kann sehr viel Denken und Unruhe gar nicht erst entstehen. In höheren Stufen kann man tatsächlich durch bloßes Notieren der sechs Sinne Einsicht gewinnen.
Die Bedeutung des Notierens der Absicht.
Der dritte Faktor, den ihr bei der Achtsamkeit auf die geistigen Zustände nicht auslassen dürft, ist die Absicht. Vor jeder Handlung entsteht immer eine Absicht. Nach einiger Zeit des Sitzens zum Beispiel, möchtet ihr auf- stehen und gehen. Der Geist hat die Absicht zu gehen. Er erzählt euch „Steht auf und geht! Ihr habt lang genug gesessen.“ Nach dem Gehen wisst ihr, dass es Zeit ist zu sitzen, deshalb sagt der Geist „Geht und setzt euch hin“. Wegen des Dranges, eurer Absicht zu sitzen, lasst ihr euch in die Sitzposition nieder. Das Gleiche gilt für alle andere Handlungen: die Absicht zu essen, zu trinken, zu antworten, zur Toilette zu gehen, die Absicht zu schlafen, zu sprechen etc. Zuerst entsteht die Absicht. Darauf folgt die Handlung. Tag für Tag entstehen viele solcher Absichten und werden nicht bemerkt. Wenn ihr all die entstehenden Absichten achtsam notieren könnt, werdet ihr auch auf die folgenden Handlungen achtsam sein. Wir beginnen, indem wir die Hauptabsichten notieren, die mit den vier Körperhaltungen verbunden sind: Gehen, Aufstehen, Sitzen und Hinlegen. Sie erscheinen gewöhnlich zwischen jeder dieser vier Hauptkörperhaltungen. Wenn ihr sie notieren könnt, dann könnt ihr eure Praxis ausweiten, indem ihr die den anderen Körperhaltungen - wie Beugen, Strecken, den Kopf drehen - vorausgehenden Absichten notiert.
Eine Möglichkeit ist zum Beispiel, folgenden Entschluss zu fassen: „Ich will nicht eher aufstehen, bis ich in der Lage bin die Absicht aufzustehen zu beobachten“ oder „Ich werde nicht sitzen solange ich nicht in der Lage bin, die Absicht zu sitzen zu beobachten“. Wenn ihr das einhaltet, wird die Absicht so stark werden, dass ihr sie auch beobachten könnt. Sie kommt dann eher wie ein starker Drang, ein starker Wunsch oder ein starkes Begehren daher. Ein gutes Beispiel ist, wenn ihr Schmerzen beim Sitzen empfindet und ihr euch eigentlich bewegen wollt, ihr euch aber dagegen entscheidet. Dann erzählt euch der Geist: „Bewegt euch, bewegt euch, bewegt euch! Wozu ist weiteres Sitzen nötig? Wer glaubst du eigentlich, wer du bist? Versuchst du den Helden zu spielen? Du kannst achtsamer sein, wenn du die Haltung änderst.“ Dann sagt zu euch: „Ah! Das ist die Bewegungsabsicht, die Absicht aufzustehen.“ Schaut sie euch gut an. Dann, wenn notwendig, bewegt euch. Genauso ist es mit der Absicht zu schlafen, wenn ihr am Morgen aufwacht und nur im Bett bleiben wollt.
Wenn ihr einmal angefangen habt die Absichten zu fassen, werdet ihr herausbekommen, dass der Geist tatsächlich ein Eigenleben führt. Ihr denkt ihr kontrolliert den Geist, aber der Geist kontrolliert euch mehr, als das ihr ihn kontrolliert. Wenn eine Person nicht achtsam ist, handelt sie größtenteils impulsiv, unbedacht und triebhaft. Sie ist sich ihrer Handlungen nicht bewusst. So entstehen auch Dinge wie Sucht.
Vor einiger Zeit erzählte mir ein Raucher, dass - obwohl er versucht hat mit dem Rauchen aufzuhören - der Drang zurückkam. Er sagte: „Ich weiß nicht, wie die Zigarette in meine Hand kam.“ Die Zigarette redete seinem Kopf zu und sagte: „Komm, lass uns eine rauchen!“ und er wusste nicht, dass sich seine Hände bewegten. Das kommt daher, dass großes Begehren im Geist entsteht, wenn es unbemerkt, das heißt unnotiert, bleibt. Deshalb ist die Anweisung in einem Retreat gewöhnlich, dass ihr in eurer Körperhaltung verharren und euch nicht bewegen sollt, nicht einmal einen Muskel. Einige sagen sogar, dass ihr nicht einmal die Augen bewegen dürft. Wir bewegen uns oft, weil wir nicht achtsam, sondern aufgeregt und zerstreut sind. Wenn ihr euch bewegen wollt und müsst, dann notiert zuerst die Absicht. Zum Beispiel juckt es euch an der Nase. Zuerst notiert es mit „Jucken, Jucken, Jucken...“, aber wenn es zu stark wird und ihr ihm nicht standhalten könnt und ihr euch wirklich kratzen wollt, dann notiert die Absicht zu kratzen. Notiert die Absicht eure Hand zu bewegen und dann bewegt langsam eure Hand. Notiert sorgfältig das Kratzen mit „Kratzen, Kratzen, Kratzen...“ und dann setzt eure Hand mit kontinuierlichem Notieren langsam wieder ab. Dann wisst ihr, dass ihr eine alberne Sache gemacht habt und diese Vergegenwärtigung ist ein anderes Gefühl, das das Jucken ersetzt.
Die Absicht ist sehr wichtig um die Kontinuität der Achtsamkeit aufrechtzuerhalten. Wenn ihr euch der Absichten nicht bewusst seid, dann seid ihr euch normalerweise vieler eurer Handlungen nicht bewusst. Die Absicht ist die Verbindung zwischen den Handlungen. Obwohl ihr am Anfang nicht jede Absicht notieren sollt.
Zwei Arten von Absicht
Die eine ist stärker und aktiver, die andere ist mehr ein Impuls. Fangt an, indem ihr die starken und aktiven Hauptabsichten beobachtet. Wenn ihr diese Hauptabsichten beobachten könnt, ist nicht nur die Kontinuität der Achtsamkeit da, sondern auch zwei andere Dinge und zwar ein klares Verständnis des Zwecks der Absicht und ihre Angemessenheit. Nehmen wir noch mal das Beispiel, wenn wir gerade gehen und ihr die Absicht zu sitzen bemerkt. Warum wollt ihr sitzen? Ist es angemessen für euch zu sitzen? Die Antworten darauf beschreiben den Grund und die Natur der Absicht, sie kommen mit der Absicht daher. Möglicherweise seid ihr zulange gegangen und ihr seid müde, oder ihr seid nur faul und euch ist nicht nach Gehen. Ihr bemerkt eine Absicht zu sitzen, deshalb fragt euch, „Warum möchte ich mich setzen?“ und die Antwort kommt „Weil ich mich zu faul zum Gehen fühle. Ich habe nichts vom Gehen. Es ist reine Zeitverschwendung.“ Das ist kein angemessener Zweck, da die Absicht durch Faulheit verursacht wurde. Jede Absicht kommt mit ihrem Zweck und mit ihrer Angemessenheit daher. Ein anderer wichtiger Punkt betreffend Notieren der Absichten ist, dass dies hilft die Empfindung eines Egos auszurotten und auch dazu verhilft die bedingte Natur und das Nicht-Selbst zu erkennen.
Normalerweise tendieren Leute, die den dhamma nicht kennen, dazu, ein sehr starkes Ego, ein Selbst, ein „Ich“, „mir“ oder „mein“ zu haben. All ihr Denken umkreist es. Im dhamma ist es anders. Realität und „rechte Ansicht“ ersetzen das Ego. Wenn man fähig ist die Absichten zu bemerken, versteht man, dass es nicht „Ich“ ist, der zu sitzen oder zu gehen beabsichtigt. Das Sitzen entsteht, weil es die Absicht ist, die sitzen möchte. Warum entsteht diese Absicht? Dies liegt an anderen Bedingungen. Warum steht ihr z. B. auf? Weil der Schmerz zu stark geworden ist! Warum ist der Schmerz so stark? Weil ihr sehr alt seid, oder weil ihr steife Knochen habt! Und außerdem mangelt es euch an Achtsamkeit, ihr könnt es nicht mehr aushalten und deshalb ist es weise für euch aufzustehen und für vielleicht eine Stunde zu gehen. So seht ihr all die Bedingungen, die anwesend sind und wenn ihr diese Bedingungen klar seht, erkennt ihr, dass da keine Person ist. Da ist nur die Absicht, die von einer Handlung gefolgt wird und so wird die Wahrnehmung des Nicht-Selbst erhöht.
Die Reise in die Achtsamkeit
So, jetzt haben wir drei grundlegende Objektarten. Achtsamkeit auf das Bewusstsein bezüglich der Hemmungen, Achtsamkeit auf das Bewusstsein bezüglich der Sinne und Achtsamkeit auf das Bewusstsein bezüglich der Absichten. Die zuvor besprochene Achtsamkeit bezüglich der Gefühle und Achtsamkeit bezüglich der körperlichen Aktivitäten sind Basisobjekte für den Anfänger um die Kontinuität der Achtsamkeit zu erhalten.
Wenn man mehrere Tage sitzt, ist man in der Lage die Kontinuität der Achtsamkeit aufrechtzuerhalten. Es sei denn, es ist einem nicht bewusst, dass man die Objekte, wenn sie entstehen, notieren muss, dass man auch nicht weiß, wie man sie notiert und was diese Objekte wirklich sind. Dann kann die Kontinuität der Achtsamkeit natürlich nicht entstehen. Unsere Praxis ist, wie auf Reisen gehen. Manchmal reisen wir entlang der Hauptstraße, wenn es keine Hauptstraße gibt, benutzen wir eine Nebenstraße. Wenn die Hauptstraße wieder auftaucht, gehen wir auf sie zurück. Manchmal, wenn wir auf der Hauptstraße reisen, ist dort alles überflutet, alle Nebenstraßen und auch die Hauptstraße sind überflutet, deshalb reisen wir jetzt auf dem Fluss. Dann kommt eine Stromschnelle, deshalb nehmen wir nun das Flugzeug oder einen Helikopter.
Warum müssen wir das machen? Weil die Zeit kurz ist, die Nacht hereinbricht und sich Gefahren nähern. Das Achtsamkeitstraining ist in etwa wie diese Reise. Wir treffen mit verschiedenen Objekten zusammen. Die Objekte sind unser Pfad, unsere Straße. Je weiter wir gehen, desto fort- geschrittener oder näher sind wir dem sicheren Hafen des Glücks. Das Hauptobjekt ist das „Heben“ und „Senken“ der Bauchdecke. Es ist fest wie die Hauptstraße, fester als die anderen Achtsamkeitspfeiler der Gefühle und des Geistes. Es ist das Hauptobjekt, das unsere Konzentration und Achtsamkeit mit Hilfe des „Hebens“ und „Senkens“ ausbildet. Dann gibt es andere Nebenobjekte wie „Sitzen“ und „Berühren“. Sie sind wie die Nebenstraßen.
Wenn ihr kein „Heben“ und „Senken“ mehr spürt, egal wie stark ihr es versucht, dann beobachtet das „Sitzen“ und „Berühren“. Manchmal wird Schmerz oder Freude überwältigend und die Körperobjekte treten zurück. Dann müsst ihr sorgfältig diese Gefühle notieren. Das ist wie das Überqueren eines Flusses. Gefühle sind wie Wasser, tief und turbulent. Zu anderen Zeiten, wenn ihr die Gefühle nicht beobachten könnt oder der Schmerz zu stark ist, dann müsst ihr den Geist beobachten. Wieder zu anderen Zeiten sind auch die Gefühle und Körperobjekte undeutlich. Auch dann habt ihr den Geist zu beobachten. Wenn ihr den Geist beobachtet, ist es wie in der Luft zu fliegen.
Nicht-Selbst und die Unstetigkeit des Bewusstseins
Der Körper scheint fester oder stetiger als das Bewusstsein zu sein. Aber der Schlüssel zum Verständnis des Körpers ist, ihn zu durchdringen und hinter die scheinbare Festigkeit zu gelangen. Der Körper ist in Wirklichkeit mehr wie feiner Sand. Wenn ihr nicht richtig auf ihn schaut, erscheint er euch wie ein fester Felsen, aber wenn ihr ihn genau beobachtet, seht ihr, dass er aus vielen kleinen Sandkörnern gemacht ist. Dann, wenn ihr exakt auf die feinen Sandpartikel schaut, bemerkt ihr, dass sie nicht gleichbleibend sind, sondern sich ständig verändern. Wenn ihr die scheinbare Festigkeit des Körpers und der Form beiseite legt und ihn nur noch als bloße Erfahrung wahrnehmt und empfindet, seid ihr dabei die Konzepte der Form etc. zu überschreiten und zu durchschauen. Ihr könnt dann die drei Daseinsmerkmale der Unbeständigkeit, des Leidens und des Nicht-Selbst erkennen.
Bei den angenehmen Gefühlen jedoch ist das Hauptproblem die Anhaftung. Wenn ihr diese Anhaftung überwinden könnt, seid ihr auch hier fähig, die Gefühle als unbeständig, leidbehaftet und als Nicht-Selbst zu durchschauen.
Beim Bewusstsein existiert eine Idee der Kontinuität des Geistes und seiner geistigen Zustände, die Idee, dass da ein Selbst ist, eine immerwährende Seele, ein immerwährendes „Ich.“ Das liegt daran, weil wir die Unstetigkeit und Unbeständigkeit nicht sehen können. Die Leute können z. B. den Unterschied zwischen dem „Sehen“ und dem „Hören“ nicht erkennen. Sie denken, dass der Geist, der sieht, und der Geist, der hört, derselbe ist. Durch die Meditation werdet ihr aber immer bewusster die Natur des „Sehens“ und des „Hörens“ wahrnehmen. „Sehen“ ist eine bestimmte Art von Phänomen, eine Art des Wissens, und so ist es auch mit „Hören“. Es gibt verschiedene Bewusstseinsarten, also Arten des Wissens oder des Erkennens. Wichtiger ist aber die Fähigkeit die Unstetigkeit des Bewusstseins zu erkennen. Am Anfang seid ihr aber nicht dazu in der Lage. Alles, was ihr erkennen könnt, ist die Unstetigkeit der geistigen Zustände. Zum Beispiel wissen wir, dass das Notieren kommt und geht. Wir wissen, dass Achtsamkeit kommt und geht und wir wissen, dass Denken kommt und geht. Aber wir können trotzdem noch die Vorstellung haben, dass, obwohl die geistigen Zustände kommen und gehen, der Geist immer noch da ist und der- selbe ist. Wenn ihr kontinuierlich beim Notieren bleibt und sehr bewusst der Unstetigkeit und Veränderung der geistigen Zustände seid, indem ihr „Hören“, „Riechen“, „Berühren“, „Schmecken“ oder „Sehen“ notiert, dann seid ihr in der Lage die Unbeständigkeit des Bewusstseins selbst zu erkennen.
Ein gutes Beispiel dazu ist, wenn Ihr gerade dabei seid die Hemmungen Mattigkeit und Müdigkeit zu notieren, also „Müde..., Müde..., Müde.“ Euer Geist ist sehr schwer und umnebelt. Wenn ihr aber mit Geduld und Energie durchhaltet, könnt ihr zu einem Punkt kommen, wo die Schläfrigkeit verschwindet und alles sich klärt, so als würden dunkle Wolken verschwinden. Dann ist da eine komplett neue Art von Geist. Umgangssprachlich sagt man dann „Ich bin eine vollkommen andere Person geworden“. Wenn ihr die Veränderung des Bewusstseins bemerkt, ist es auch so.
Nehmt ein anderes Beispiel. Ihr seid auf jemanden sehr ärgerlich und wütend. Er hat etwas Schreckliches getan, er hat euch belogen und betrogen. Ihr seid sehr traurig. Dann entdeckt ihr, dass er unschuldig ist. Ihr habt alles nur falsch aufgefasst. Er hat euch gar nicht betrogen. Dann seid ihr plötzlich nicht mehr böse mit ihm. Was ist mit dem Zorn passiert? Er ist weggegangen. Ist das nicht seltsam? Es sind nur zwei verschiedene „Geister“ oder Bewusstseinsarten und geistige Zustände. Dies ist natürlich nur ein Beispiel, aber in der Meditation wird es euch sehr klar werden. Wenn die Klarheit fortschreitet, könnt ihr nicht nur die Unterschiede zwischen den Befleckungen und dem reinen Geist sehen, sondern auch den Unterschied zwischen dem einen reinen Geist und dem danach erscheinenden anderen reinen Geist. Auch die Achtsamkeit selbst verändert sich von Moment zu Moment. Es ist, als ob jeden Moment, jeden Sekundenbruchteil ein anderer Geist zusammen mit einem anderen Bewusstsein entsteht. Das Bewusstsein gehört mehr zum wissenden Geist. Die geistigen Zustände sind wie der notierende Geist. Der wissende Geist, das Bewusstsein ist gewöhnlich im Hintergrund. Es ist zwar schwieriger dort die Veränderung wahrzunehmen, aber wenn ihr sie notieren könnt, dann ist eure Wahrnehmung der Unbeständigkeit verbessert und das Haften am Selbst, das mit diesem Geist und dem Bewusstsein verbunden ist, wird langsam aufgegeben. Wenn das nicht passiert, kann keine tiefere Einsicht entstehen. Viel an tiefer Einsicht wird, wegen latentem Hängen am Selbst und am „Ich“, verhindert. Auch unter vielen Buddhisten gibt es ein Haften an der Idee, dass es hinter dem Geist irgendwo etwas Beständiges gibt.
Wenn sich die Konzentration in der Meditation entwickelt, schlüpft der Geist oft in sehr ruhige Zustände. Manchmal wird er von Frieden und Freude überwältigt. Manchmal befindet er sich tatsächlich in einer Vertiefung. Es gibt sehr friedvolle Zustände mitunter auch glückselige. Wenn solche Zustände auftauchen sollten und ihr sie notiert, solltet ihr schnell notieren „Ah, friedvoll..., friedvoll“. Im Falle tiefer Konzentration könnte es euch vorkommen, als wenn ihr in einen leeren, weißen Zustand geratet, dort gibt es nichts und wenn ihr wieder herauskommt, denkt ihr „Ah! Was für ein wunderbarer friedvoller Zustand!“ Einige glauben auch, dass dies nibbāna wäre. Wenn ihr nicht achtsam seid, werdet ihr daran hängen und dann entsteht Verlangen. Was auch immer für ein feiner Bewusstseinszustand entsteht, ihr müsst ihn notieren so wie er entsteht und vergeht. Diese Art von feinem Bewusstsein ist sehr raffiniert und verzwickt. Es ist sehr tief. Es ist auch dasselbe besondere Bewusstsein mit dem ihr später das Verstehen der Natur der Realität und dem Pfad zum Frieden erreichen könnt.
Die Priorität der Achtsamkeit
Wenn jemand auf einer tieferen Stufe Meditation praktiziert, wird er immer mehr geistige Bereiche betreten und familiärer mit ihnen werden. Wenn ein Anfänger auf diese Bereiche stößt, können einige für ihn ganz schrecklich und andere wiederum ganz attraktiv sein. Viele Leute fragen mich, „Mache ich es richtig? Erfahre ich, was ich erfahren sollte?“ Ich erzähle ihnen dann, dass es nicht wichtig ist, was sie sehen. Vielmehr ist es viel wichtiger, ob sie achtsam sind oder nicht. Wenn ihr achtsam seid, könnt ihr nichts falsch machen. Wenn ihr achtsam seid und ihr dabei bleibt diese Zustände zu notieren, wie sie erscheinen, werden die Dinge für euch klarer werden. Wenn Leute z. B. in den Zustand gehen, wo es nichts gibt, notiert „nichts hier“. Geht wieder hinein und seid achtsam und es wird eine Zeit kommen, in der ihr diesen Zustand gut kennt. Ihr seid dann sehr oft darin. Es ist eine Art sehr feiner Zustand von Bewusstheit. Auch hier gibt es ein Objekt. Ihr müsst dann sehr achtsam auf diese Dinge sein. Wenn ihr sie dann notiert, hat sich eure Achtsamkeit verbessert und ihr habt weitere Fortschritte gemacht. Wenn man fähig ist all diese verschiedenen Zustände des Geistes, des Bewusstseins und der Gefühle zu betrachten, dann ist man fähig die Kontinuität der Achtsamkeit zu halten. Wenn jemand die Kontinuität der Achtsamkeit halten kann, wird die Konzentration sehr stark. Der Geist wird bearbeitbarer, flexibler und folgsam. Wegen seiner Konzentration ist er nun sehr kraftvoll. Auf dieser Stufe ist der Geist fähig in die Konzentration hineinzusinken und für eine lange Zeit lang die Natur der Körper- und Geistprozesse, wie sie wirklich sind, tief zu beobachten.
Wichtig zu wissen ist, dass, wenn Einsichten entstehen, sie sehr klar und scharf auftauchen. Es gibt keinen Zweifel darüber. Jede Stufe der Einsicht muss zuerst klar sein, da die späteren Einsichten auf den vorherigen basieren. Das erste Einsichtswissen ist. die Einsicht in die Unterscheidung von Körper und Geist. Man sieht klar die Natur des Geistes und des Körpers gemäß ihren Eigenschaften. Da ist kein Lebewesen, keine Seele. Es ist leer an einem Selbst. Es sind bloße Phänomene, Erfahrungen und Geschehnisse. Dies muss sehr klar erkannt werden, sodass es auf alle Objekte, die einem begegnen, angewandt werden kann. Nur wenn das so ist, ist die Bedingtheit zwischen einer Erscheinung und der anderen sehr klar. Nur wenn das sehr klar ist, kann später das Hängen an einem Selbst aufgegeben werden.