-essentials of insight meditation practice-

die praxis der einsichtsmeditation

9. Die fünf geistigen Kontrollfähigkeiten

Die Fertigkeit die Kontrollfähigkeiten zu balancieren, ist sehr wichtig in der Vipassana-Meditation. Das gilt besonders, wenn man an einem langen Retreat teilnimmt. Wenn der Geist kraftvoller wird, arbeiten die Fähigkeiten besser. Es ist, wie wenn ein Auto mehr PS hat und mit größerer Geschwindigkeit laufen kann. Ihr müsst das Auto nun besser kontrollieren, da ihr sonst aus der Kurve fliegen könntet.

Die fünf geistigen Kontrollfähigkeiten
Zuerst lasst uns auf die Definition schauen. Wenn wir „Kontrollfähig- keiten“ sagen, beziehen wir uns auf die folgenden:
1. Glaube oder Vertrauen
2. Energie
3. Achtsamkeit
4. Konzentration
5. Wissen

„Kontrollfähigkeiten“ bedeutet, dass sie Kontrolle über den Geist oder die mentalen Kräfte ausüben. Wie in dem Gleichnis mit dem Auto, gibt es verschiedene Kontrollmöglichkeiten für verschiedene Zwecke. Das Steuer kontrolliert die Richtung, das Gaspedal die Geschwindigkeit etc.
Die Hauptkontrollfähigkeit von diesen fünf ist Achtsamkeit. Um euch eine Vorstellung zu geben, wie die Kontrollfähigkeiten arbeiten, werde ich euch dazu etwas erzählen. Wenn ihr zu meditieren anfangt, müsst ihr zuerst Vertrauen oder Glauben in die Praxis haben. Wenn ihr kein Vertrauen in die Praxis habt, würdet ihr sowieso nicht anfangen. Glaube beruht einmal auf der Reinheit des Geistes und des Weiteren auf den Vorteilen durch das Praktizieren. Wenn ihr genug Vertrauen habt, macht ihr Fortschritte. Anstrengung, die während der Praxis gemacht wird, kann als Energiekontrollfähigkeit betrachtet werden. Durch sie, wenn ihr ausreichend praktiziert, entsteht Achtsamkeit. Wenn Achtsamkeit entsteht, wird sie kontinuierlich und konzentriert. Wenn Konzentration auftritt, nennen wir es konzentrierte Bewusstheit auf das Objekt, also das, was wir Konzentrationsfähigkeit nennen. Wenn die konzentrierte Achtsamkeit sich auf die Realität konzentriert, das heißt auf das reale Objekt, und wenn dies erfahren wird, ist es wie ein starkes Licht, dass sich auf das Objekt fokussiert. Dadurch könnt ihr erkennen, was es wirklich ist. Das genau ist die Wissensfähigkeit.
Mit dem Erreichen von Verstehen und Einsicht entsteht mehr Vertrauen und deshalb können wir mehr Energie in die Praxis legen. Mit mehr Energie entsteht mehr Achtsamkeit und mit mehr Achtsamkeit wird das Objekt mit mehr Konzentration fokussiert und so fort, bis ihr mehr Einsicht bekommt. Es ist wie ein sich drehendes Rad, das die Geschwindigkeit erhöht.
Am Anfang ist es eine Sache von Vertrauen und Energie. Es geht nicht so sehr um das Balancieren, sondern mehr um das Wachrufen. Nach einer Menge Praxis wird die Balance zwischen Energie und Konzentration mehr ein Thema der Meditation. Wenn wir vom „Balancieren der Fähigkeiten“ sprechen, meinen wir gewöhnlich die Balance zwischen Vertrauen und Wissen und die Balance zwischen Konzentration und Energie. Die Balance zwischen Vertrauen und Einsicht (Wissen) entsteht häufiger am Anfang. Da tatsächliche Einsicht noch nicht entstanden ist, ist sie mehr auf einer Basis- stufe oder einem oberflächlichen Level. Das Wissen ist mehr theoretisch und weltlicher Natur. Auch das Vertrauen kommt nicht durch echtes erfahrenes Wissen, sondern es kommt nur durch Überlegen oder Hingabe.
In den buddhistischen Ländern entsteht das Vertrauen durch kulturelle und elterliche Einflüsse. Angehörige dieser Länder könnten den Mönchen mit blindem Vertrauen folgen. Das kann gefährlich sein und ist nicht rat- sam. Die vermittelten Methoden sind nicht alle korrekt und es gibt eine Tendenz zur Leichtgläubigkeit. Deshalb sollte man sich darin üben, vor jeder Handlung mehr zu überlegen.
Im Falle grundsätzlichen Vertrauensmangels, wie bei eher intellektuelleren Menschen anzutreffen ist außerhalb der buddhistischen Länder, kann leicht Zweifelsucht (skeptischer Zweifel) durch fehlendes Vertrauen entstehen.
Eine Menge der spirituellen Dinge kann nicht durch Denken erfasst werden. Man muss mit einer Methode lang genug experimentieren um sie selber zu erfahren. Wenn die Methode für euch gut ist, dann macht ihr Fort- schritte. Wenn jemand nur denkt und nach 100%iger Sicherheit und Garantie sucht, wird derjenige sich niemals richtig hinsetzen um ernsthaft zu praktizieren und so wird er auch keine Resultate erzielen.

Konzentration und Energie
Wenn jemand mit der Praxis beginnt, werden die Kontrollfähigkeiten stärker. Die Hauptaufgabe für diejenigen, die an einem Retreat teilnehmen, ist dann das Balancieren von Konzentration und Energie.
Was meinen wir mit „Balance“? Wenn wir sagen, dass der Geist „aus- balanciert“ ist, bedeutet das, dass der Geist so achtsam wie möglich ist. Also das optimale Arbeiten und Funktionieren der Achtsamkeit.
Wenn der Geist nicht gut ausbalanciert ist, ist eine der Fähigkeiten im Überschuss, während es an einer anderen mangelt. Dies beschreibt die Fähigkeiten in Begriffen von Anteilen. Wenn man sagt, die Konzentrationsfähigkeit sei im Überschuss, heißt das gleichzeitig, dass die Energiefähigkeit zu schwach ist und umgekehrt.
In der tatsächlichen Erfahrung ist es jedoch nicht so sehr eine Sache der Berechnung. Es ist mehr ein Erfahren eines gewissen Zustandes des Bewusstseins.
Lasst mich euch eine bessere Vorstellung davon geben. Wenn wir von der Energiekontrollfähigkeit reden, beziehen wir uns auf den aktiven Aspekt der Achtsamkeit. Energie ist der aktive Teil wogegen Konzentration die Stille und der ruhige Faktor der Achtsamkeit ist. Wenn sich der Geist von jemandem im optimalen Zustand der Achtsamkeit befindet, bedeutet das, dass man dem Meditationsobjekt wie „Heben“ und „Senken“ leicht zu folgen vermag. Zur gleichen Zeit ist der Geist aktiv genug um auch tatsächlich zu bemerken, was passiert.
Wenn jedoch die Energie im Überschuss ist und es an Konzentration mangelt, kann der Geist zu aktiv werden. Es ist so, als wenn ihr sehr auf- geregt seid und versucht dem „Heben“ und „Senken“ der Bauchdecke zu folgen. Ihr könnt ihm aber nicht gut folgen, da der Geist die Tendenz hat darüber hinwegzuspringen. Er hat eine Tendenz zum Denken und Wandern. Er klebt nicht am Objekt, da es an Konzentration mangelt.
Wenn jedoch die Konzentration der Faktor ist, der im Überschuss ist, dann hält man sich mit einem Objekt lange auf. Der Geist ist sehr ruhig und still, aber ihr könnt nicht viele Dinge erkennen. Er hält sich darin auf und beobachtet nicht aktiv die folgenden Dinge um ihn herum. Zuletzt wird er sehr ruhig, dann wird der Geist leer und ihr schlaft ein. Weder exzessive Energie noch exzessive Konzentration wird empfohlen. Wenn eine dieser beiden im Überschuss ist, ist der Geist nicht stabil.
Wenn der Prozess weitergeht, dann endet die überschüssige Konzentration meist in Mattigkeit und Müdigkeit, während überschüssige Energie in Unruhe endet. Es wäre ratsam, ihr würdet es sofort bemerken, wenn die Achtsamkeit nicht so gut arbeitet, damit ihr Fortschritte beim Balancieren erzielen könnt.
Am Anfang eines Retreats ist das Balancieren nicht so wichtig, da es nicht so viel Konzentration und überhaupt kein Wissen gibt. Da ist nur Energie. Für euch ist es am Wichtigsten, Fortschritte mit eurer Achtsamkeit zu machen. Anstrengung ist ein Sichantreiben, das versucht sehr hart acht- sam zu sein. Die Frage ist jedoch, wie stark ihr euch antreibt. Wie viel Anstrengung?
Es ist eine Sache der Kontrolle der Energiemenge. Wenn ihr euch zu sehr antreibt und die Fährte der Achtsamkeit verliert, könntet ihr zu ver- spannt werden. Wohingegen, wenn ihr nicht genug Anstrengungen macht, ihr matt und müde werden könntet. Deshalb muss es einen Punkt geben, hart genug zu üben, sodass ihr einen optimalen Zustand der Achtsamkeit erreicht. Dies muss durch Erfahrung erlernt werden. Einige Leute strengen sich sehr stark an und werden verspannt und matt. Andere hingegen sind faul und erwarten, dass alles von allein geschieht. Dann gibt es natürlich keinen Fortschritt.
Wenn man der korrekten Praxismethode folgt und sich lange genug an- strengt, werden die geistigen Kontrollfähigkeiten (die geistigen Kräfte) schließlich stark. Konzentration wird entstehen und das bedeutet, Balancieren der Kontrollfähigkeiten kann notwendig werden. Mit anderen Worten, der Geist wird kraftvoller, die Konzentration und die anderen geistigen Fähigkeiten werden kräftiger.
Was passiert dann?
Eine Menge an Dingen kann passieren. Wenn die Energie zu stark ist und eure geistigen Kräfte ebenfalls, ist die geistige Energie voll aufgeladen. Ohne Achtsamkeit wird sie unbalanciert und ihr könnt nicht mehr einschlafen. Euer Geist ist sehr leuchtend. Ihr könnt dem Objekt vom „Heben“ und „Senken“ zwar folgen, aber ihr könnt nicht hineinsinken. Das passiert beispielsweise, wenn man Schmerz beobachtet. Wenn man ihn für lange Zeit beobachtet, wird der Geist sehr aufgeladen und energetisch, weil ihr eine Menge Energie braucht um dem Schmerz gegenüberzutreten. Nach der Schmerzperiode kann der Körper sehr erschöpft sein, aber der Geist leuchtet stark. Es gibt keine Spur von Mattigkeit und Müdigkeit.
Wenn ihr jedoch versucht zum „Heben“ und „Senken“ zurückzukehren, könnt ihr ihm zwar folgen, aber nicht einsinken. Der Geist schwimmt an der Oberfläche. Er will nicht hineingehen und ist sehr leuchtkräftig. Mehr noch, wenn ihr versucht schlafen zu gehen, könnt ihr es nicht, ihr dreht euch nur hin und her.
Exzessive Konzentration tritt eher bei Leuten auf, die zuvor Samatha- Meditation geübt haben oder bei denen, die während ihrer Meditationen dazu tendieren, die Konzentration überzubetonen. Dabei passiert es, dass der Geist wiederholt in sehr stille und ruhige Zustände hineingeht! An diesem Punkt kann es zu einem gewissen Grad zum Sichgehenlassen kommen. Man bleibt nur da. Ihr könnt lange Zeit sitzen, aber der Geist durchdringt nicht. Er ist nicht fähig all den Einzelheiten der geistigen und körperlichen Prozesse zu folgen. Es gibt überhaupt keine Schmerzen. Manchmal entstehen auch Bilder und bleiben einige Zeit. Dies ist ein Zu- stand der Stagnation. Deshalb muss man den Geist balancieren, wenn das passiert.
Das Balancieren ist nicht so einfach, wie es scheint. Meistens dauert es seine Zeit bevor der Geist balanciert ist, weil auf dieser Stufe des geistigen Bewusstseins der Konzentration, der Geist mehr unter dem Einfluss einer Art Schwungkraft steht. Die vielen Tage der Meditation bauen Schwung- kraft auf, bis diese auf eine bestimmte Weise fließt. Im selben Moment, wenn das passiert, werdet ihr nicht in der Lage sein die gesamte Kraft, die hier arbeitet, zu kontrollieren. Deshalb werdet ihr etwas Zeit für die Neuausrichtung oder die Balance brauchen.

Wie balanciert ihr die fünf Kontrollfähigkeiten?
1. Das Verwenden der richtigen Art von Achtsamkeit
Es gibt zwei Wege die Fähigkeiten zu balancieren. Einer ist die Fähigkeiten zu erhöhen und der andere sie zu vermindern. Der sicherere Weg sie zu vermindern ist, sich zu beruhigen, es langsamer werden zu lassen, da ihr nicht wisst in welche Richtung es geht. Zuerst müsst ihr feststellen, welche Fähigkeit zu stark und welche zu schwach ist. Ohne Erfahrung ist das nicht leicht. Ihr wisst nur, dass euer Geist irgendwo stecken geblieben ist und zu kräftig wird. Wenn dies passiert und ihr nicht sicher seid, beruhigt euch nur, beruhigt die Fähigkeiten, dreht die Schalter herunter. Wenn ihr natürlich erkennen könnt, was es ist, erhöht ihr diejenige Fähigkeit an der es mangelt. Und wenn ihr sie erhöht, werden sich die Fähigkeiten weiter aufbauen.
Lasst uns einige Methoden der Balancierung der Fähigkeiten besprechen. Zuerst gibt es die Art der Achtsamkeit, die ihr anwenden müsst und wie ihr sie anwenden müsst. Die erste Art ist die Energieerhöhung. Energieerhöhung beinhaltet eine energischere Form des Notierens. Macht euren Geist klar, wachsam und notiert aktiv. Wenn ihr euch z. B. etwas schläfrig fühlt, dann fehlt es an Energie und ihr müsst die Energie erhöhen. Ihr könntet „schläfrig, schläfrig, schläfrig“ sagen. Aber vielleicht geht die Schläfrigkeit so nicht weg, weil ihr langsam „schl-l-ä-f-rig, schl-l-ä-f-rig“ sagt. Ihr müsst es sehr schnell hintereinander sagen. Es ist ähnlich, wie mit einem Maschinengewehr zu schießen.
Ein anderes Beispiel betrifft die Entstehung von Schmerz. Wenn Schmerz entsteht, braucht ihr eine Menge an Energie. Ohne Energie könnt ihr ihm nicht gegenübertreten. Deshalb macht ihr was? Ihr sagt „Schmer- zen, Schmerzen, Schmerzen“ aber manchmal funktioniert es nicht. Ihr müsst es sehr schnell sagen, wie ein Maschinengewehr. Dann baut sich aktive Energie auf, die Achtsamkeit ist ausbalanciert und ihr könnt weiter- machen.

Die zweite Art betrifft die Konzentrationserhöhung.
Wenn die Energie zu groß ist, müsst ihr auf der anderen Seite natürlich mehr auf die Konzentrationsfähigkeit gehen. In solchen Fällen benutzt ihr nicht ein so starkes, kräftiges Notieren, ihr notiert zart und sanft. Wenn euer Geist z. B. überaktiv ist, habt ihr eine Menge Energie, aber ihr könnt nicht hineinsinken. Da ist eine Art Aufregung im Geist. Wenn ihr „Heben“ und „Senken“ sagt, ist es als würde euer Geist auf der Oberfläche schwimmen. Deshalb ist das, was ihr in diesem Falle tun solltet, euch nicht zu stark anzustrengen. Beruhigt euch einfach, lasst alles passieren und beobachtet sanft „Heben“ und „Senken“. Ihr solltet nicht daran denken die Konzentration zu erhöhen oder Resultate erwarten.
Leute, die sehr zielorientiert sind, tendieren dazu, sich selbst zu stark anzutreiben. Sie benutzen zu viel Energie. Sie sollten sich einfach nur zurücklehnen, sich entspannen und sehen was passiert. Wenn da nichts ist, dann könnt ihr zu euch selbst sagen, dass zumindest etwas Ruhe und Frieden im Geist ist. Deshalb sitzt ihr einfach und entspannt euch. Wenn ihr findet, dass es gut funktioniert, dann folgt ihr dem nur und wenn alles an- genehm, friedvoll und schön ist und ihr keinerlei Erwartungen mehr habt, dann sinkt der Geist hinein und folgt dem Objekt.
Ein nicht zu vergessender Punkt ist, dass da ein Moment kommen wird, wo ihr nur die Stufe derjenigen Balance, die ihr erreicht habt, halten müsst. Solltet ihr beispielsweise eine Menge an Mattigkeit und Müdigkeit haben, treibt eure Energie an um Fortschritte zu erzielen. Aber ihr braucht das An- treiben nicht zu halten. Ihr treibt euch nur solange an, bis ihr im optimalen Zustand gefestigt seid. Wenn ihr euch zu sehr antreibt, dann geht ihr wieder „über Bord“ und es wird zu energetisch.
Genauso ist es, wenn ihr feststellt, dass ihr zu viel Energie habt, ihr beruhigt euch bis zu dem Punkt, wo ihr euch auf dem Objekt niederlassen könnt. Einmal ausbalanciert, haltet diese Stufe. Versucht nicht noch mehr zu entspannen, sonst könntet ihr einschlafen.
Deshalb ist es nicht nur allein eine Sache des Ausruhens oder der Energieerhöhung. Man muss wissen, wie viel erhöht werden muss und wie viel entspannt werden muss. Es kommt ein Punkt, wo ihr euch auf dieser Stufe festigt und ihr müsst diese Stufe mit Gleichmut erhalten.

2. Gerichtete Achtsamkeit und Wahllose Achtsamkeit
Es gibt noch eine andere Möglichkeit zum Balancieren der Fähigkeiten. Es existieren zwei Arten von Achtsamkeit. Eines ist die „Gerichtete Achtsamkeit“ und das andere ist die „Wahllose Achtsamkeit“. Gerichtete Achtsamkeit ist, wenn wir ein Objekt erwarten, uns ihm zuwenden, es erwischen und es aktiv notieren. Das ist am Anfang unserer Praxis notwendig, wo die Konzentrations- und Achtsamkeitsfähigkeit noch schwach ist. Wenn ihr sie auf ein Objekt heftet, bildet sie sich schneller aus.
Wenn ihr sitzt, müsst ihr dem „Heben“ und „Senken“ achtsam folgen. Wenn kein „Heben“ und „Senken“ da ist, müsst ihr euch dazu antreiben, die „Sitzen-“ und „Berühren-“ Empfindung zu beobachten. Das wird „Gerichtete Bewusstheit, Gerichtete Achtsamkeit“ genannt. Die andere Art ist Wahllose Achtsamkeit. Das heißt, dass ihr nicht irgendein besonderes Objekt zum Beobachten auswählt. Ihr sitzt nur still da, bleibt ruhig und beobachtet, was auch immer erscheint und wieder vergeht. Diese Methode arbeitet für diejenigen gut, die dazu tendieren sich zu stark anzutreiben und versuchen in kurzer Zeit Resultate zu bekommen. Dann wird der Geist zu stark besitzergreifend. Wenn dies passiert, sagt zu eurem Geist, dass er alles loslassen soll, da, wenn zu viel Energie da ist, er zu angestrengt ist und dann Anhaften entwickelt. Was ihr tun solltet ist, einfach entspannen und euch um nichts sorgen. Kümmert euch dann auch nicht darum, ob ihr eure Achtsamkeit verliert, da ihr wirklich die Energie entspannen müsst. Wenn ihr das tut, wird die Achtsamkeit sich wieder an- siedeln, aber es braucht seine Zeit.
Der Grund warum der Aufbau der Achtsamkeit wieder einige Zeit braucht, könnte z. B. die Furcht sein, dass ihr bei Wahlloser Achtsamkeit keine Fortschritte machen werdet und so Zeit verloren geht. Deshalb hängt ihr am Notieren, hängt an den antreibenden Versuchen die Achtsamkeit aufrechtzuerhalten und folglich wird Verspannung erzielt. Aber wenn ihr einfach loslasst, euch nicht sorgt und einfach entspannt, etwas später nach- schaut und euch versichert, dass da noch Achtsamkeit und Bewusstheit ist, obwohl ihr sie habt gehen lassen, wird die Achtsamkeit sich wieder leicht und ruhig niederlassen. Nach einiger Zeit öffnet sich der Geist wieder mehr und entspannt sich. Wenn sich die Achtsamkeit niedergelassen und stabilisiert hat, könnt ihr sie erneut antreiben und die Verspannungen werden nicht auftreten. Das wird „Wahllose Achtsamkeit“ genannt.
Diese Art der Wahllosen Achtsamkeit erscheint häufiger in der fort- geschrittenen Praxis. Denn wenn die Praxis fortschreitet, werden die Meditationsobjekte bisweilen zufällig. Das „Heben“ und „Senken“ wird sehr fein und wenn ihr versucht es zu beobachten, entstehen viele andere Objekte wie Gefühle, Schmerzen, Empfindungen und es ist sehr schwierig ein spezifisches Objekt auszumachen. Auch kann es sein, dass viele Objekte sehr schnell entstehen und vergehen und ihr keines davon aus- drücklich besonders beobachten könnt. Ihr versucht es, aber euer Notieren ist zu langsam.
Deshalb erhaltet ihr nur eine einspitzige Bewusstheit auf alles, was auch immer kommt und geht. Gewöhnlicherweise ist es auf dieser Stufe nur reine Bewusstheit des Bewusstseins. Wenn ihr das aufrechterhalten könnt, wird die Achtsamkeit sehr stabil. Dies ist eine andere Form der Wahllosen Achtsamkeit. Bei der Wahllosen Achtsamkeit baut sich die Konzentration nicht so schnell auf, aber sie ist stabiler.

3. Andere Formen des Balancierens
Auch andere Möglichkeiten die Fähigkeiten zu balancieren kann man benutzen. Eine ist die Benutzung von Körperhaltungen. Gewisse Körperhaltungen sind mit bestimmten Objekten und Fähigkeiten verknüpft. Gehmeditation z. B. ist verbunden mit dem Energieaufbau, da man beim Gehen aktiv ist. Außerdem muss der Geist sehr aktiv sein um den Schritten zu folgen. Deshalb ist es einfacher während der Gehmeditation Mattigkeit und Müdigkeit zu überwinden.
Sitzmeditation auf der anderen Seite verursacht eher Konzentration, da der gesamte Körper still ist und das „Heben“ und „Senken“ ein natürlicher Prozess ist. Wir müssen das Atmen nicht so beabsichtigen, wie wir das Gehen beabsichtigen müssen. Daher ist es einfacher den Geist ruhig zu halten und nur das „Heben“ und „Senken“ zu beobachten. Dadurch ist es durch Aufteilen der Geh- und Sitzmeditationsperioden möglich die Fähigkeiten zu balancieren. Deshalb wird häufig empfohlen, dass man die gleiche Menge Gehen und Sitzen sollte. Wenn ihr zu lange sitzt, besteht die Tendenz, nur die Konzentration zu erhöhen. Wenn ihr zu viel geht, gibt es auf der anderen Seite eine Tendenz, die Energiefähigkeit auf einen exzessiven Punkt zu erhöhen.
Es ist deshalb wichtiger, das geistige Verhältnis im Kopf zu haben, an- statt der tatsächlichen Zeitspanne. Wenn ihr sagt, dass ihr eure Energiefähigkeit erhöhen wollt und deshalb über eine Stunde oder möglicherweise zwei Stunden geht, erhöht sich die Energie, aber es belastet den Körper. Ihr werdet sehr müde. Die Hauptsache sind hier aber wirklich die Fähigkeiten des Geistes selbst. Man muss die Fähigkeiten nicht durch Körperhaltungen verändern.
Wie ich schon sagte, kann auch Gerichtete Achtsamkeit die Energiefähigkeit erhöhen. Deshalb ist die Änderung der Körperhaltung oder der Meditationseinteilung eine gröbere Art dies zu tun. Auch gewisse andere Objekte können mehr Energie oder Konzentration produzieren. Lasst uns z. B. das „Heben“ und „Senken“ mit dem „Sitzen“ und „Berühren“ vergleichen. Zwischen diesen beiden tendiert das „Sitzen“ und „Berühren“ dazu, mehr Energie als Konzentration wachzurufen. Das ist so, weil „Sitzen“ und „Berühren“ keine Bewegungsaktivitäten sind. Deshalb müsst ihr Energie freimachen und den Geist antreiben im „Sitzen“ und „Berühren“ und zwar, indem ihr über Beobachtung der Kontaktpunkte durch die entsprechenden Empfindungen geht.
Im Gegensatz dazu tendiert das „Heben“ und „Senken“ dazu eine Schwungkraft und einen Fluss aufzubauen, sodass nach einer Weile der Geist sich auch in dieser Schwungkraft und dem Fluss befindet. Außerdem braucht ihr nicht soviel Anstrengung um diesen Objekten zu folgen. Deshalb ist es angemessen, wenn ihr sehr schläfrig seid, dass „Sitzen“ und „Berühren“ mit vielen Berührungspunkten zu machen, damit mehr Energie als Konzentration aufsteigt. Das ist auch der Grund, warum wir das „Heben“ und „Senken“ als Hauptmeditationsobjekt benutzen. Es ist günstiger um Konzentration wachzurufen als das „Sitzen“ und „Berühren“. Mit dem „Sitzen“ und „Berühren“ tendieren wir dazu, eine Menge an anderen Empfindungen zu bekommen und deshalb ist es eher diskursiv. Wenn wir jedoch dem „Heben“ und „Senken“ folgen, ist es wie einen sich bewegen- den Punkt zu verfolgen. Wenn ihr euch klar genug auf den bewegenden Punkt konzentrieren könnt, baut sich die Konzentration auf.
Auf der anderen Seite ruft Schmerz mehr Energie wach. Wenn ihr aber in der Lage seid, ihn mit reinem Bewusstsein zu beobachten, tendiert dies eher dazu Konzentration wachzurufen, da reines Bewusstsein sich von allen anderen Sinnesobjekten zurückzieht und nur in den Geist hineingeht. Wenn es einem nicht gelingt, dass Vipassana-Objekt zu benutzen um die Fähigkeiten zu balancieren, dann können andere Maßnahmen ergriffen werden, z. B. die Samatha-Methoden. Wenn ihr beispielsweise in Mattigkeit und Müdigkeit versunken seid, könnt ihr die Wahrnehmung von Licht und Rezitationen benutzen um den Geist zu motivieren. Es gibt auch andere Formen der Samatha-Methoden wie die kasinas, Visualisierungen oder auch der Atem. Diese Methoden führen eher dazu den Geist zu beruhigen.

Das Balancieren der Fähigkeiten ist dynamisch
Das Balancieren der Fähigkeiten ist nicht statisch. In Wirklichkeit ist es sehr dynamisch. Es ist so, als wenn wir auf einem Fahrrad bergauf fahren. Ihr müsst balancieren und ihr müsst euch anstrengen. Ihr müsst euch am Fahrrad festhalten, damit ihr nicht herunterfallt. Diese Prinzipien ver- wenden wir, wenn wir die Fähigkeiten während der Meditation balancieren. Warum? Weil die Fähigkeiten entsprechend erhöht werden müssen, wenn wir Fortschritte machen. Fortschritt in der Meditation ist tatsächlich eine Erhöhung von allen fünf geistigen Kontrollfähigkeiten. Je weiter ihr in der Meditation fortschreitet, desto mehr müsst ihr euch deshalb anstrengen. Je höher ihr geht, desto mehr Anstrengung müsst ihr also wach- rufen. Es ist allerdings nicht so schlimm wie man denkt, da zu dieser Zeit auch schon ein beträchtlicher Grad an Achtsamkeit vorhanden ist. Außerdem kann die Energie ganz von allein entstehen. Trotzdem müsst ihr die Energiefähigkeit mit eurem Meditationsfortschritt erhöhen, da die verschiedenen auftauchenden Meditationsobjekte feiner und schwieriger zu notieren sein werden. Sie können auch unangenehmer sein, da sie eventuell mehr Schmerz oder Leid verursachen.
Deshalb müsst ihr die Energiefähigkeit erhöhen, da ihr sonst nicht fähig werdet mit diesen feinen Objekten umzugehen. Manchmal können sie so fein und angenehm sein, dass es sehr leicht ist, an ihnen anzuhaften. Deshalb müsst ihr eine Menge Energie anwenden um ihnen gegenüberzutreten. Das macht ihr bis zu dem Punkt, wo die Energie so stark ist, dass ihr euch über alle Objekte und Gedanken hinwegsetzen könnt. Wenn jedoch nur die Energiefähigkeit oder der aktive Aspekt der geistigen Kräfte allein erhöht wird und nicht genug Konzentration da ist um sie still zu halten, wird der Geist stark unbalanciert, zu aktiv und zu hoch aufgeladen. Deshalb müsst ihr auch die Konzentrationsfähigkeit Hand in Hand erhöhen. Der Geist muss noch ruhiger und stiller in den fortgeschrittenen Stufen der Praxis sein. Das genau ist es, was „Fortschritt des Vipassana-Bewusstseins“ genannt wird.

Wenn wir Fortschritte in der Meditation machen
Vipassana-Bewusstsein sieht die Dinge so wie sie sind, ist in der Lage sie zu akzeptieren und an ihnen nicht anzuhaften. Es bedeutet auch fähig zu sein, die Dinge zu sehen, sie zu verstehen, unsere Anhaftung zu ihnen zu transzendieren und deshalb über sie hinauszugehen. Wenn wir Fortschritte in der Meditation machen, werden die Objekte immer feiner und auch immer tiefer. Deshalb müsst ihr in der Lage sein, sie zu halten und zu notieren. Wenn der Geist in diesem Moment nicht anwesend ist, werdet ihr nicht die Einsicht erzielen können um letztendliche Befreiung zu erreichen. Wenn wir jedoch in der Lage sind das zu tun, bekommt der Geist eine gewisse Schwungkraft. Wir können ihn dann immer weiter zu dem Punkt, wo der Geist sehr ruhig und gleichmütig ist, führen. Zu dieser Zeit ist er fähig alle Objekte ohne irgendwelche Probleme zu notieren und zu sehen, wie sie entstehen und vergehen. Der Geist wird sehr gleichmütig, mit tiefer Konzentration und tiefem Verstehen der Natur der Unbeständigkeit etc. Wenn wir irgendeine Vorstellung davon haben, was Vipassana-Meditation ist, dann ist es dies.
Im Stadium des Vipassana-Bewusstseins sind die fünf geistigen Kontrollfähigkeiten in einer balancierten Art hoch entwickelt.. Wenn das ein- tritt, ist die Energiefähigkeit so groß, dass ihr problemlos stundenlang sitzen könnt. Die Energie- und Achtsamkeitsfähigkeit ist voll entwickelt. Der Geist ist in der Lage alles haarscharf im Detail zu beobachten. Die an- wesende Konzentration hält die Achtsamkeit in einem hochentwickelten Stadium. Zur gleichen Zeit erlaubt die Konzentration dem Geist, tief in das Meditationsobjekt über längere Zeit einzutauchen. Es ist, als wenn die Beobachtung wie von selbst immer weiter und immer tiefer geht, bis sie den Punkt erreicht, wo sie alle körperlichen und geistigen Prozesse durch- dringen kann um Realisierung zu finden.
Manchmal jedoch - bevor das passiert - geht der Geist „über Bord“, das heißt, er hat entweder zu viel Energie oder zu viel Konzentration. Dafür gibt es die unterschiedlichsten Ursachen und es passiert auch aus dem Grunde, weil die Achtsamkeit noch nicht stark und stabil genug ist. In solchen Fällen haben wir eine angemessene Handlung anzuwenden, die die Fähigkeiten korrekt ausbalanciert.
Dieser Vortrag wird euch ein wenig Einblick in das Balancieren der Fähigkeiten gegeben haben. Balancieren der Fähigkeiten kann als cittanupassana gesehen werden oder als Achtsamkeit auf das Bewusstsein. Bei cittanupassana müsst ihr fähig sein, all die subtilen Stadien des Bewusstseins - wie sie kommen und gehen - zu erkennen.